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88 Cent Miete und drei Gebete am Tag

Fuggerei | Leben in der ältesten Sozialsiedlung der Welt

Vorbei an den ockergelben Mauern dreht der Nachtwächter seine Runde. Behutsam entzündet er die Laternen, die nach Sonnenuntergang den Weg durch die Gassen weisen. Im ersten Stock schließen sich die tannengrünen Fensterläden. Dann dringt nur noch das leise Plätschern des kleinen Brunnens in die an Großstadtlärm gewohnten Ohren. Es ist 18 Uhr. In die Stille mischt sich das melodische Läuten des Ausgburger Perlachturms. Beim Blick über die das Gelände eingrenzenden Mauern zeigt sich in der Ferne die mintgrüne Zwiebelkuppe des Wachturms, der zusammen mit dem historischen Rathaus den Himmel eines Städtchens ziert, in dem der Alltag einfach mal draußen bleiben muss.

In der Fuggerei ist von der Stadt kaum etwas zu hören. Keine hupenden Autos, keine vorbeiratternde Trambahn und keiner, der schnellen Schrittes zum nächsten Termin eilt. Die Fuggerei in Augsburg ist einzigartig in der Welt. Eine Stadt in der Stadt. Die äl­teste Sozialsiedlung der Welt bietet 150 bedürftigen Augsburgern ein Zuhause. Die Jahreskaltmiete beträgt gerade einmal 88 Cent. Der nominelle Gegenwert eines Rheinischen Guldens, des Wochenlohns eines Maurers, ist seit 1521 das Maß – und soll es auch bleiben. Ob Reichsmark, Deutsche Mark oder Euro: Die Nachfahren des Stiftungsgründers und berühmten Kaufmanns Jakob Fugger, genannt der Reiche, haben die Miete nie angepasst.

Sein Wille war es, dass mit Unterzeichnung des Mietvertrags täglich drei Gebete für ihn und seine Familie zu sprechen sind. Ein „Ave Maria“, ein „Vater unser“ und ein „Glaubensbekenntnis“ sind vertraglich vereinbart. „Wir prüfen nicht nach, ob die Bewohner ihrer Verpflichtung nachkommen. Das muss jeder mit sich selbst ausmachen und schließlich vor Gott verantworten“, erläutert Sabine Darius von der Fürstlich und Gräflich Fuggerschen Stiftungsadministration. Neben der Kaltmiete und einem Rheinischen Gulden für den Fuggerei-eigenen Pfarrer werden lediglich 70 Euro Nebenkosten pro Person und Monat verlangt. Da diese Summe die Kosten nicht deckt, übernimmt die auf den Kaufmann zurückgehende Stiftung die Mehrkosten.

Nur ein Denkmal für Jakob den Reichen in der Fuggerstadt

Die Stiftung lebt von dem Erlös aus 3 200 Hektar Wald und den Mieteinnahmen der stiftungseigenen Immobilien. Daneben sind Eintrittsgelder und Spenden die einzigen Einnahmequellen der Fuggerei. Städtische oder staatliche Unterstützung erhält die Sozialsiedlung nicht. Die Hausbank der Fuggerei versuchte nachzuvollziehen, wie viel Geld Jakob Fugger der Stadt am Lech bis heute erspart hat. Mit Zins und Zinseszins. „Kein Computer dieser Welt kann dies errechnen“, sagt Darius schmunzelnd. „Der Betrag geht in die Billionen.“ Dennoch steht das einzige Denkmal für Jakob den Reichen nicht direkt vor dem Augsburger Rathaus oder in der prachtvollen Fuggerstraße. Die Fuggerei hat 2007 ihm zu Ehren eine Büste auf dem Gelände errichtet. Das einzige Denkmal für Jakob den Reichen in der Fuggerstadt.

Der berühmte Kaufmann handelte mit Baumwolle und Leinen, ließ Silber und Kupfer abbauen und war Bankier der Päpste. Er finanzierte die erste Schweizer Garde und prägte für die Oberhäupter der katholischen Kirche Münzen mit seinem Familienwappen, der Fugger-Lilie. Doch sein unermesslicher Reichtum verschloss nicht seine Augen. Er verwendete große Teile seines Vermögens für die Gesellschaft. Er stiftete Kirchen und errichtete eine für die damaligen Verhältnisse fast schon prunkvolle Bleibe für Bedürftige. Damit kamen einfache Leute in den Genuss von Privilegien, die – wenn überhaupt – nur der Oberschicht zugänglich waren. So hat in der Fuggerei beispielsweise jede Wohnung einen eigenen Eingang. Im Museum auf dem Gelände der Sozialsiedlung können sich die Besucher ein Bild davon machen, wie die Familien ursprünglich lebten: Die Tür konnte aus der Stube mit einem Holzgriff geöffnet werden und eine Durchreiche verband die Küche mit dem Wohnzimmer. Jakob Fugger wollte hilfsbedürftige Menschen nicht zu Almosenempfängern machen, sondern ihnen Hilfe zur Selbsthilfe an die Hand geben. Anfang des 16. Jahrhunderts eine revolutionäre Idee. Statt in Armenhäusern zu vereinsamen, gab er ihnen die Möglichkeit, auf eigenen ­Beinen zu stehen.

Die Nachfahren des berühmten Kaufmanns führen das Werk mit großem Engagement weiter. Rechtlich, organisatorisch und wirtschaftlich sind die Familie Fugger und die Stiftungen getrennt. Doch die Familie wacht über die Einhaltung des Stiftungswillens. Noch heute beispielsweise entscheiden sie, wer in eine der 140 Wohnungen des 67 Häuser umfassenden Geländes einziehen darf. „Nach einem persönlichen Bewerbungsgespräch erstellt eine Mitarbeiterin ein kleines Protokoll, das dann der Familie zugeht“, erläutert Darius das Aufnahmeverfahren. Die Warteliste ist lang. Dringende Fälle werden aber vorgezogen.

Die Augsburger sind stolz auf ihre Fuggerei. Denn hier ist das Wort „So­zialsiedlung“ keineswegs negativ besetzt. Keine Spur von „Brennpunkt“ oder „Ghetto“. Jung und Alt finden in der Fuggerei ein Zuhause – wenngleich der Anteil der älteren Bewohner höher ist. Dies liegt aber vornehmlich daran, dass es ihnen besonders schwerfällt, wieder auf die Beine zu kommen, wenn der soziale Abstieg droht. In der Fuggerei herrscht ein nachbarschaft­liches Miteinander, wie es vielen „normalen“ Siedlungen guttun würde. Wer nicht mehr selbst ­kochen kann, wird von der Nachbarin mitversorgt. Wenn die Einkaufstüten zu schwer sind, greift hier selbstverständlich jemand zu und bringt diese die schmalen Treppen in den ersten Stock hinauf, und wenn der Briefkasten überquillt, sieht hier niemand weg, sondern informiert die Verwaltung, die dann nach dem Rechten sehen kann.

Menschen aus der ganzen Welt besuchen die Fuggerei

Die Fuggerei beeindruckt Menschen auf der ganzen Welt. Persönlichkeiten wie Michail Gorbatschow oder jüngst Prinz Hassan von Jordanien machten sich selbst ein Bild dieses gelebten christlichen Gedankens. Das Gästebuch, das im Fuggerei-Museum ausliegt, liest sich wie eine Reise um die Welt: „Schade, dass es nicht mehr Menschen wie die Familie Fugger gibt“, schreibt eine Besucherin aus der Steiermark. „A true testimony to life, death and the human race“, war ein Gast aus Neu-Delhi beeindruckt. Welche Grüße sich hinter den japanischen und chinesischen Schriftzeichen verbergen, bleibt beim Durchblättern des dicken Buchs ein Geheimnis. Jetzt erklärt sich aber, warum der am Eingangstor ausliegende Informations-Flyer in zehn Sprachen erhältlich ist.

Vom Krieg erschüttert, von der Verantwortung erfüllt

Doch die Fuggerei zeigt sich den Besuchern nicht nur von ihrer ruhigen und schönen Seite. Sie öffnet auch ihr Innerstes und gibt Details aus einer Zeit preis, in der Leid, Armut und Tod den Alltag prägten. Denn der Zweite Weltkrieg erschütterte auch das Idyll in der Jakober Vorstadt schwer. Dass Mes­serschmitt und die Maschinenfabrik Augs­burg Nürnberg (MAN) als wich­tige Produzenten für die Rüstungs­industrie ein Ziel für Angriffe sein würden, darauf waren die Augsburger vorbereitet. Mit welcher Wucht aber auch die Stadt selbst getroffen wurde, war vorher nicht abzusehen. In der Nacht vom 25. auf den 26. Februar 1944 bombardierten fast 600 Flugzeuge Augsburg. Lancaster-, Halifax- und Mosquito-Bomber brachten Zerstörung und Tod. Rund 200 Menschen überlebten diese Nacht im öffentlichen Bunker bei der Fuggerei. Nur einem Bewohner, Gerhard Lehner, zerriss eine Druckwelle die Lunge.
Kaum eine Wohnung in der Sozialsiedlung, die nicht beschädigt war. Feuer brannten und von der Kirche St. Markus auf dem Gelände der Fuggerei standen nur noch die Grund­mauern. Zwei Drittel der Sozialsiedlung lagen in Trümmern. Fast 90% des historischen Augsburg wurden zerstört oder beschädigt.

Die Nachkommen Jakob Fuggers befreiten sich jedoch schnell aus ihrer Schockstarre. Sie wollten das Erbe des Stifters um jeden Preis weiterleben lassen. Schon am 1. März 1944 beschlossen die Mitglieder des Fürstlich und Gräflich Fuggerschen Familien­seniorats den sofortigen Wiederaufbau. Einer von ihnen war Joseph-Ernst Fürst Fugger von Glött. Sein Adoptivsohn Albert, der heute einen Sitz im Familienseniorat innehat, weiß, wa­rum seine Vorfahren damals so schnell handelten: Zum einen habe es einen praktischen Grund gehabt. Die noch stehenden Mauern abzutragen und zu entsorgen wäre weitaus teurer gekommen als der Wiederaufbau. Außerdem waren sie „erfüllt von der Verantwortung“, die ihnen der Stiftungsgründer auferlegt hatte. Holz aus den stiftungseigenen Wäldern diente als Tauschmittel für Baumaterialien: Ziegel, Nägel und Fenster konnten so beschafft werden. Geld war wertlos. Der Wiederauf- und Umbau der Fuggerei sowie die bisher letzte Erweiterung zogen sich bis ins Jahr 1973 hin. Finanziert aus Stiftungsmitteln.

Heute führen acht Sträßchen durch das 15000 Quadratmeter große Gelände. Wo Ochsengasse und Mittlere Gasse aufeinandertreffen und sich mit der breiten Herrengasse kreuzen, steht der kleine gusseiserne Schalenbrunnen, dessen Plätschern schon seit vielen Jahren zu hören ist. Der perfekte Platz, um kurz innezuhalten und die historische Atmosphäre der Stadt in der Stadt aufzusaugen. Spätestens um 22 Uhr, wenn der Nachtwächter den Riegel vor das große Eingangstor schiebt, bleibt die Fuggerei Außenstehenden verschlossen – und das leise Wasserspiel muss wieder dem Rattern der vorbeifahrenden Straßenbahn weichen.

Constanze Meindl


Artikel vom: 2011-03-01 01:03:00
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