Mehr Macht für den Mittelstand

Kleine und mittlere Unternehmen: In Deutschland ist die Verbandslandschaft für den Mittelstand sehr zersplittert. Es gibt rund 200 Vertretungen für kleine und mittlere Firmen. Doch der Mittelstand muss mit einer Stimme sprechen – in Berlin und in Brüssel. Interview mit Mario Ohoven, Präsident des Bundesverbands mittelständische Wirtschaft (BVMW) und des europäischen Dachverbands des ­Mittelstands (CEA-PME).

WirtschaftsKurier: Ist der Erhalt der Eurozone wichtig für den Mittelstand?


Mario Ohoven: Ja, denn mittelständische Unternehmen exportieren zu über 60% in die Länder der Eurozone. Fast jeder vierte Arbeitsplatz bei uns hängt daran. Seit Einführung der Gemeinschaftswährung haben die Exporte in die EU-Staaten noch einmal einen deutlichen Schub bekommen. Man muss auch klar sagen: Deutschland profitiert von der Schuldenkrise.

Inwiefern?

Die Bundesrepublik gilt als „sicherer Hafen“. Deshalb ist viel sogenanntes Fluchtgeld zu uns ­geflossen – aus Griechenland und auch aus anderen EU-Ländern. Das führt dazu, dass das Zinsniveau extrem niedrig ist, was wiederum positiv für die Wirtschaft ist: Die Unternehmen bekommen Kredite zu einem relativ nied­ri­gen Zinssatz. Dennoch ist der Mittelstand sehr an einer konsistenten Lösung der Euro-Schuldenkrise interessiert.

Die europäischen Regierungen haben eine Reihe von Maßnahmen beschlossen, die das Vertrauen in den Euro wiederherstellen sollen. Ist das ausreichend?

Die Politiker agieren bisher als Getriebene der Finanzmärkte. Solange sie nicht den Spieß umdrehen, wird sich – fürchte ich – nichts ändern. Das heißt, dass das „Monster“, um den ehemaligen Bundespräsidenten Köhler zu ­zitieren, gebändigt werden muss. Die Finanzmärkte müssen endlich reguliert werden.

Was schlagen Sie vor?

Mit dem Schuldenschnitt für Griechenland, der Stärkung der EFSF und der Aufstockung der Kapitalquote der Banken wurde erstmals ein ganzheitlicher Ansatz gewählt. Das ist positiv, war aber schon lang überfällig. Mit der EFSF wurde Zeit gekauft, die bislang noch nicht sinnvoll genutzt wurde. Mit der Erweiterung der EFSF-Kapazitäten durch ­Hebelprodukte ist man erhebliche Risiken eingegangen. Für Deutschland könnte das unkalkulierbare Folgelasten bedeuten. Außerdem ist fraglich, ob die Verschuldung Italiens von derzeit 120% auf 113% im Jahr 2014 sinkt. Da bei einer Rezession der ­Schuldenstand in der Regel steigt, könnte das Sparpaket zu Zins­erhöhungen für italienische Staatsanleihen führen. Das haben wir ja schon gesehen. Der fun­damentale Fehler der Griechenland-Rettung würde dann wiederholt. Mit anderen Worten: Der Hebel ist eine Wette auf eine ­positive Entwicklung in Italien.

Kann man die Probleme Griechenlands mit dem geplanten Schuldenschnitt lösen?

Eine geordnete Insolvenz, die mit allen abgesprochen wäre, wäre der bessere Weg gewesen.

Aber würden darunter nicht mittelständische Unternehmen, die in Griechenland Geschäfte machen, besonders leiden?

Ja, das stimmt, aber das tun sie jetzt auch schon. Für Ausfälle der Banken steht letztlich der Staat ein, also wir Steuerzahler. Dem kleinen Unternehmen hilft erfahrungsgemäß niemand. Deshalb hat es wenig Sinn, wenn man zur Lösung der Schuldenprobleme Griechenlands ausschließlich auf Sparen setzt. Der Schlüssel liegt in der Förderung von Existenzgründungen sowie in konsequenten Strukturreformen.

Die Bundesregierung erwartet ein eher schwaches Wirtschaftswachstum von 0,7%, viele mittelständische Unternehmen sprechen aber von vollen Auftragsbüchern und guten Perspektiven in diesem Jahr. Wie erklären Sie diese Diskrepanz?

Mittelständler sind vom Wesen her Optimisten. Aber es gibt auch eine Reihe guter Gründe, dass unsere Zuversicht für 2012 begründet ist – immer unter dem Vorbehalt, dass die Finanzmärkte ruhig bleiben. Wer wissen will, wie sich die Konjunktur entwickelt, der muss die stärkste Kraft unserer Wirtschaft in Deutschland befragen, und das ist der Mittelstand.

Was hat die Umfrage ergeben?

Unterm Strich erwarten zwar rund 70 % der Unternehmen eine Stagnation im Jahr 2012. Dennoch rechnen etwa 30 % der Mittelständler mit einer weiteren Verbesserung der Geschäftslage bis zur Jahresmitte. Gut drei ­Viertel wollen das Investitions­volumen  stabil halten oder sogar erhöhen. Nur ein Viertel der ­Firmen berichtet von schrumpfenden Investitionen in diesem Jahr.

Was bedeutet das?

Wie groß das Vertrauen in die Zukunft ist, zeigt sich exemplarisch an dieser sehr beeindruckenden Zahl: Der Mittelstand plant in diesem Jahr Investitionen in Maschinen und in den Fuhrpark von ungefähr 150 Mrd. Euro. Erfreulich ist auch die Personalplanung: Ein Drittel der befragten Unternehmen möchte die Belegschaft weiter aufstocken, nur 5 % planen einen Abbau von Arbeitsstellen. All diese Zahlen geben uns Anlass zu einem vorsichtigen Optimismus, auch wenn Bremsspuren im Vergleich zum Vorjahr erkennbar sind. Vom heutigen Stand gehen wir davon aus, dass die deutsche Wirtschaft 2012 doch ein Wachstum von 1% erzielen kann – immer unter dem Vorbehalt, wie gesagt, dass die Lage an den Finanzmärkten einigermaßen stabil bleibt.

Die Finanzwirtschaft ist durch die Schuldenkrise in einer schwierigen Situation. Droht eine neue Kreditklemme?

Ich schließe neue Probleme nicht aus. Auch der Mittelstandsbeauftragte der Bundesregierung, Staatssekretär Ernst Burgbacher, hat erst kürzlich von einer drohenden Finanzklemme für den Mittelstand gesprochen. Ein ­wesentlicher Grund dafür ist meiner Meinung nach die falsche Konstruktion von Basel III.

Warum?

Der Standardsatz für das Risikogewicht bei den Krediten an den Mittelstand liegt bei 75 %. Gleichzeitig haben europäische Staatsanleihen eine Risikogewichtung von null. Das heißt also, dass ein Finanzinstitut griechische Schrottanleihen kaufen kann und für das Ausfallrisiko keinen Cent Eigenkapital vorhalten muss, während es einen Kredit an ein gesundes mittelständisches ­Unternehmen mit 8 % unterlegen muss. Das kann nicht sein. Wir haben die Folgen von Wirtschaftsforschern analysieren lassen. Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass die Verteuerung der Kredite an kleine und mittelgroße Betriebe 2% der wirtschaftlichen Gesamtleistung des deutschen Mittelstands kosten würde. 

Ein weiteres drängendes Thema neben der Finanzierung ist die Rohstoffversorgung. Erfüllt die Deutsche Rohstoffagentur die Erwartungen?

Wir sind sehr dankbar, dass die Bundesregierung zur Unterstützung des Mittelstands die Deutsche Rohstoffagentur gegründet hat. Dabei geht es nicht um den Ankauf von Rohstoffen an den Märkten, sondern um Informationen, zum Beispiel zur Verfügbarkeit: Das ist vor allem für Indus­trie-Rohstoffe sehr wichtig. Für eine valide Bilanz der Deutschen Rohstoffagentur ist es aber nach einem Jahr zu früh. Doch die ersten Erfahrungen von Mitgliedern des BVMW sind durchweg positiv.

Der BDI plant nun eine Allianz zur Rohstoffsicherung, die die Einkaufspower von Groß­unternehmen bündelt. Ist sie eine Bedrohung für mittelständische Interessen?

Im Gegenteil. Dazu kann ich nur sagen: Better late than never. Schwellenländer wie Indien und China sind doch längst weltweit auf Einkaufstour Im Fall China kommt noch ein weiteres Pro­blem dazu: Das Land hält bei den Seltenen Erden einen Weltmarktanteil von über 95%. Außerdem machen uns die globalen Quasi-Monopole zunehmend Sorgen. Nehmen wir zum Beispiel das ­Eisenerzgeschäft. Da haben sich drei Giganten den Kuchen weltweit aufgeteilt: BHP Billiton (Australien/Großbritannien), Rio ­Tinto (Großbritannien) und Vale (Brasilien). Dass unsere deutschen Autobauer darüber nicht glücklich sind, liegt auf der Hand. Von ihnen wiederum sind Zehntausende Mittelständler als Zulieferer abhängig.

Neben der Rohstoffversorgung sind auch Innovationen ein wichtiger Motor für die Entwicklung des Mittelstands. Wie sind die Rahmenbedingungen dafür in Deutschand?

Im Großen und Ganzen sind die Bedingungen gut. Deutschland konnte einer internationalen Vergleichsstudie zufolge seine In­novationsleistung in den vergangenen Jahren erheblich steigern. Wir haben uns im globalen Innovationsranking auf den vierten Platz nach vorn geschoben. Für das erfolgreiche Abschneiden nennt die Studie zwei Gründe: die Innovationsanstrengungen der deutschen Wirtschaft und die Investitionen der öffentlichen Hand.

Wie viel investiert der Mittelstand in Forschung und Entwicklung?

Der Mittelstand hat trotz Krise seine Investitionen in diesem Bereich im Jahr 2011 auf insgesamt 39 Mrd. Euro erhöht. Damit sind wir, nebenbei bemerkt, Europameister. Wenn die Bundesre­gierung für die innovativen Klein- und Mittelbetriebe noch etwas tun will, dann sollte endlich die steuerliche Forschungsförderung auf 25% bei den Personalkosten aufgestockt werden. Das haben wir vor Kurzem Frau Ministerin Schavan vorgeschlagen. Ich bin verhalten optimistisch, dass auch der Finanzminister mitzieht. 

Eine weitere wichtige Res­source für den Mittelstand sind Fachkräfte. Bei dem Thema gehen die Meinungen aus­einander: Die Bundes­regierung spricht von einem ernsthaften Problem, das zu Umsatzausfällen in Milliardenhöhe führt. Andere – wie das Deutsche Institut für Wirtschafts­forschung DIW – sprechen von einem „Phantomschmerz“. Was ist richtig?

Das ist leider ein sehr realer Schmerz beim Mittelstand. Laut unserer Umfrage will gut ein Drittel der Mittelständler in diesem Jahr zusätzliche Mitarbeiter einstellen. Nur – fast ebenso viele haben schon jetzt Engpässe oder ­erwarten Probleme bei der Personalsuche. Der Mittelstand steckt hier in einer Sandwich-Situation, die fatal ist. Von der einen Seite drückt die Demografie, denn die Zahl der 20- bis 65-Jährigen geht von heute 50 Mio. bis 2030 auf 43 Mio. zurück. Das sind 7 Mio. Arbeitskräfte, die fehlen. Von der anderen Seite drücken die Konzerne, die unseren Betrieben ihre gut ausgebildeten Mitarbeiter mit hohen Bezügen abwerben. Da kann der Mittelstand manchmal nicht mithalten.

Wie könnte man dem Fachkräftemangel gegensteuern?

Ich habe auf dem letzten Fachkräftegipfel der Bundesregierung zur Lösung ganz konkrete Vorschläge gemacht. Wir brauchen meines Erachtens erstens Arbeitgeber-Zusammenschlüsse nach französischem Vorbild. Bei uns sieht es doch oft so aus: Wenn ein Unternehmer zehn oder 20 Beschäftigte hat und eigentlich Aufträge für ein bis zwei weitere ­Kräfte da sind, dann traut er sich oft nicht an Neu­einstellungen, sondern setzt auf Überstunden.

Was machen die Franzosen?

Dort schließen sich zum Beispiel zehn Betriebe zusammen und stellen gemeinsam ganz regulär drei Fachkräfte ein, die sich die Unternehmen teilen: Mal arbeiten sie bei der ­einen, mal bei der anderen Firma. Das funktioniert in Frankreich ganz hervorragend und nimmt den Unternehmen das Risiko, bei schlechterer Auftragslage ein oder zwei Mitarbeiter bezahlen zu müssen, ohne dass sie zur Arbeit eingesetzt werden können.

Was haben Sie noch vorgeschlagen?

Wir müssen mehr in das Thema Bildung investieren. Zum Beispiel bei älteren Arbeitnehmern, deren Berufsbild durch die Globalisierung verschwunden ist: Sie sollten in einer einjährigen Zusatzausbildung im Unternehmen umgeschult werden. Oder Lehr­kräfte: Sie sollten Pflichtpraktika absolvieren. Unternehmen beschweren sich immer wieder, dass manche Hochschulen an der Praxis ­vorbei ausbilden. In Skandina­vien muss jeder Lehrer vom Studienrat bis zum Professor vier Wochen im Jahr ein Praktikum in der Wirtschaft machen. Der eigentliche Schlüssel für eine langfristige Lösung des Problems liegt in einer Verbesserung der Aus­bildung. Da ist besonders die Politik gefragt. Immerhin haben 17% der jungen Erwachsenen keinen Berufsabschluss, 7% keinen Schulabschluss.

Zurzeit steht ja das Thema Mindestlohn wieder sehr im Mittelpunkt der Diskussion. Welche Position vertritt Ihr Verband?

Bei Mindestlöhnen gilt generell: Sind sie zu hoch, schaden sie der Wirtschaft, sind sie zu niedrig, helfen sie nicht. Wer gesetzliche Mindestlöhne fordert, nimmt ­Arbeitsplatzverluste in strukturschwachen Regionen und in ­ei­nigen Dienstleistungsbranchen in Kauf. Besonders hart würde es die Geringqualifizierten in den neuen Ländern treffen. Ich befürchte für Deutschland insgesamt den Verlust mehrerer Hunderttausend Arbeitsplätze gerade im Niedriglohnbereich. Wir dürfen nicht vergessen, dass derzeit in Deutschland 1 Mio. Menschen für unter 5 Euro pro Stunde arbeiten. Gern wird auch übersehen, dass in nahezu allen EU-Ländern mit Mindestlöhnen die Jugend­arbeitslosigkeit sehr hoch ist. Auch das spricht gegen ein gesetzliches Lohndiktat in Deutschland.

Welchen Lösungsansatz schlagen Sie vor?

Wenn der Staat hier einen sozialen Ausgleich schaffen will, dann sollte er die Lohnzusatzkosten senken. Das würde sogar noch zusätzliche Beschäftigung bringen. Bei einer Diskussionsrunde Mitte Januar, zu der das Wirtschafts-, Finanz- und Arbeitsministerium die Spitzenverbände der Wirtschaft eingeladen hatte, wurde das Beispiel Niederlande diskutiert. Dort gibt es eine Mindestlohnregelung, dennoch ist die Jugendarbeitslosigkeit niedrig. Allerdings staffeln unsere Nachbarn den Mindestlohn nach Alter, beginnend bei 3,42 Euro für einen 18-Jährigen. Dann sieht die Sache schon anders aus.

Sie sind auch Präsident des euro­päischen Dachverbands des Mittelstands CEA-PME. Was sind Ihre Ziele?

An erster Stelle kommt die Sicherung der Finanzierung vor dem Hintergrund von Basel III. Wei­tere Gebiete sind der Abbau von Handelshemmnissen und von Bürokratie, die Rohstoffversorgung und bezahlbare Energie.

Handelshemmnisse in Europa?

Es gibt leider noch immer jede Menge Probleme im innereuropäischen Handel. Dazu müsste man aber zu sehr ins Detail gehen, was hier zu weit führen würde. Die bürokratischen Belastungen würden durch die Einführung einer einheitlichen europäischen Rechtsform – Stichwort Europa-GmbH – verringert. Derzeit müssen noch  Unternehmensgründungen in jedem EU-Land nach den jeweiligen ­nationalen Bestimmungen erfolgen. Das ist für ausländische Unternehmer aufwendig und teuer.

Wofür setzen Sie sich noch ein?

Darüber hinaus bemühen wir uns um eine verstärkte Zusammen­arbeit der nationalen Mittelstands­vereinigungen, um den Eurokraten in Brüssel besser Paroli bieten zu können. Der Mittelstand muss auch in Europa mit einer Stimme sprechen, und die muss stark sein, damit wir – und das wird immer wichtiger – in Brüssel Gehör finden.

Der Mittelstand müsse mit ­einer Stimme sprechen, haben Sie einmal gesagt. Warum tut er das nicht?

Dagegen steht die Zersplitterung der Verbandslandschaft. Es gibt in Deutschland knapp 200 verschiedene Mittelstandsverbände. ­Unter dem Dach des BVMW haben sich seit Langem Dutzende kleinerer Verbände zusammen­geschlossen. Wir bilden auch immer wieder Allianzen mit anderen Verbänden zu bestimmten Themen, zum Beispiel der Energiepolitik. Aber das kann nur der Anfang sein. Ich kann nur hoffen, dass es endlich – um der Sache willen – gelingt, Partikularinteressen und Eifersüchteleien zu überwinden. Am Ende des Weges sollte eine Mittelstandsvertretung stehen, so wie der BDI für die Industrie. Denn gemeinsam sind wir noch viel stärker.

Die Fragen stellte Elwine Happ-Frank,
Chefredakteurin des Wirtschaftskuriers


Artikel vom: 2012-02-17 15:57:00