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Mitten im Wirbel der Eurokrise

WirtschaftsKurier: Delcredere versteht sich als Spezialist für Schwellenländer. Wo genau liegen Ihre Schwerpunkte?

Christoph Witte: Knapp 20 % unseres Umsatzes betreffen Kredit­risiken in den neuen EU-Mitgliedstaaten Zentraleuropas. Hinzu kommen die ehemaligen GUS-Staaten (Gemeinschaft Unabhängiger Staaten, Zusammenschluss verschiedener Nachfolgestaaten der Sowjetunion; Anm. d. Red.) Ukraine und Russland mit ihren starken Wachstumsraten sowie die Länder in der EU-Peripherie. Auch Serbien und Kroatien sind wichtige Märkte. Generell haben Schwellenländer für uns Vorrang.

Warum kann eine Kreditver­sicherung dort hilfreich sein?

In den meisten Schwellenländern, insbesondere in den ehemaligen GUS-Staaten sowie in Lateinamerika, ist das Zinsniveau relativ hoch. Die Unternehmen dort wünschen deshalb, dass ihre Lieferanten ihnen lange Zahlungsziele gewähren. Wenn sich ein deutscher Mittelständler ­andererseits zu relativ günstigen Zinsen finanzieren kann, ist der Lieferantenkredit als Vertriebs­instrument eine Überlegung wert. Aber man muss die damit verbundenen Risiken absichern, und hier kann die Kreditversicherung eine Lösung sein. Das gilt übrigens auch für Projekte oder das Fabrikationsrisiko im Maschinenbau. Gemeint ist damit das Risiko, dass der Kunde den Auftrag vor Fertigstellung kündigt.

Welche Rolle spielt die Krise für die Märkte in Osteuropa und den ehemaligen GUS-Staaten?

Auch diese Länder können von der Eurokrise angesteckt werden. Sehr gefährdet sind Kroatien und Serbien wegen ihrer engen wirtschaftlichen Beziehungen zu Italien und Griechenland. Bulga­rien, Mazedonien, Kroatien und Serbien könnten betroffen sein, weil ihr Bankensystem in den Händen von griechischen und italienischen Banken liegt. Die Ukraine dürfte unter der Euro­krise weniger leiden. Sie ist aber abhängig von der Entwicklung der volatilen Stahlpreise und vom Gaspreis, den sie an Russland ­bezahlen muss. Das sind ebenfalls beachtliche Risiken.

Auch die Wirtschaft in Asien hat Probleme.

Indiens Wirtschaft wird in diesem Jahr um 6 %, die in China wohl um 8 % wachsen. Das sind Wachstumsraten, von denen wir hier in Europa nur träumen können. Dennoch steigen die Umsätze der Unternehmen dort nicht mehr so wie gewohnt. Der Lieferantenkredit könnte deshalb als Vertriebsinstrument noch ­einmal zusätzlich an Bedeutung ­gewinnen.

Welche Folgen hat die Krise in Europa für grenzüberschreitende Lieferantenkredite?

Die Volkswirtschaften Italiens und Spaniens werden in diesem Jahr um 2 % schrumpfen. Das hat natürlich Auswirkungen auf das Zahlungsverhalten der Unternehmen. Auch die Probleme der ­Banken haben Folgen, weil die Kreditfinanzierung für den Mittelstand schwieriger geworden ist. Die Unternehmen werden deshalb versuchen, den Lieferantenkredit noch mehr für sich zu ­nutzen.

Wie reagieren Sie auf die Krise?

Die Kreditversicherer leiden unter einer wachsenden Zahl von Zahlungsausfällen. Wir sehen deshalb in Italien und Spanien genau hin, wie sich ein Unternehmen finanziert, und achten da­-bei vor allem auf die kurzfristigen Bankkredite. In Griechenland übernehmen wir für Neukunden keine Deckungen mehr. Pauschal werden wir aber weder Limite in Italien oder Spanien noch generell in Südeuropa aufheben.

Wann ist Handlungsbedarf?

Es macht uns hellhörig, wenn sich das Zahlungsverhalten oder die Bilanz eines Abnehmers verschlechtert. Es ist dann Aufgabe des Versicherers, zu überprüfen, ob es sich um eine generelle ­Bedrohung oder nur um einen ­Liquiditätsengpass handelt. In letzterem Fall versuchen wir, gemeinsam mit unserem Versicherungsnehmer und dessen Kunden eine Lösung zu finden. Wenn ein Abnehmer sich kooperativ zeigt und einem Tilgungsplan zustimmt, sind wir meist bereit, auch neue Lieferungen an diesen Abnehmer zu versichern.

Wird der Versicherungsschutz bereits teurer?

2010 und 2011 sind die Preise ­gesunken. Versicherungsnehmer mit starker Konzentration auf südeuropäische Länder müssen mittlerweile aber wieder mehr bezahlen als vor einem Jahr. Das schlägt sich allerdings erst mit einer zeitlichen Verzögerung nieder. Denn die Versicherungs­v­erträge laufen in der Regel über ein Jahr, teilweise sogar zwei oder drei Jahre. Und wer viel in Deutschland verkauft, hat den Versicherungsschutz zumindest bis vor einem halben Jahr sogar noch preiswerter bekommen als vorher.

Was passiert mit offenen Rechnungen, wenn der Euro aus­einanderbricht?

Wir rechnen nicht damit, dass Griechenland die Eurozone verlässt. Sollte es aber wider Erwarten doch so kommen, gibt es zwei denkbare Szenarien. Ein mög­liches Szenario: Der Kunde des deutschen Exporteurs erzielt seine Einnahmen wieder in Drachmen, kann aber wegen einer starken Abwertung der Drachme den Lieferantenkredit nicht wie vereinbart in Euro bedienen. Dies wäre ein Versicherungsfall für wirtschaftliche Risiken, der deutsche Exporteur würde somit von seinem Kreditversicherer entschädigt. Das zweite Szenario: Es gibt eine neue Währung, die zeitweise nicht mehr in Euro konvertierbar ist. Dies wäre ein Versicherungsfall für politisches Risiko – in jeder einzelnen Kreditversicherungspolice ist geregelt, inwiefern dieses Risiko mitversichert ist.

Unruhe herrscht nicht nur in Europa. Wie beurteilen Sie derzeit die Lage im Nahen Osten?

In Ländern wie Tunesien und Ägypten hat sich die politische Lage entspannt, und die Wirtschaft wird dort langsam wieder wachsen. Aber 2012 ist noch ein schwieriges Jahr, auch weil einige Touristen diesen Ländern fernbleiben. Für deutsche Exporteure sind Ägypten, Marokko, Algerien und Tunesien wichtig. Wir re­gis­trieren insbesondere eine starke Nachfrage nach Deckungsschutz für Ägypten, vermutlich weil andere Kreditversicherer dort sehr vorsichtig geworden sind.

Welches Potenzial und Risiko bietet Afrika für Mittelständler?

Zu unseren wichtigsten Märkten gehören die großen Volkswirtschaften Nigerias und Südafrikas. Auch Staaten wie Ghana und die Elfenbeinküste, Senegal und Kenia haben eine gewisse Be­deutung. Langfristig bieten diese Länder mit ihrer jungen Bevöl­kerung und wachsenden Einkommen großes Potenzial. Wichtig für die Region bleiben die Rohstoffpreise, und auf die könnten sich die Eurokrise sowie ein schwächeres Wachstum in China auswirken.

Das Interview führte
Wiku-Mitarbeiter
Norbert Hofmann


Artikel vom: 2012-10-17 11:51:00
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