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Mary Poppins aus Berlin

Die Kinder der englischen Oberschicht haben ein Leben lang ein besonders inniges Verhältnis zu ihrer Nanny. Mama und Papa sind meist in der Gesellschaft unterwegs. Die Nanny aber ist da, vor der Schulzeit, während der Schulzeit und danach. Sie ist liebevoll, ein wenig streng und weiß, worauf es im Leben ankommt. Vor allem aber: Sie lässt sich nicht so leicht aus der Ruhe bringen. Europa hat in der Krise eine solche Nanny. Sie heißt Angela Merkel, wird bei allen Nachbarn geschätzt, auch wenn sich der eine oder andere gegen sie aufbäumt. Wie die Nanny Mary Poppins bringt sie am Ende Harmonie in die Familie.

Anders als die Super-Nanny auf dem Bildschirm, die alle bevormundet und nicht zum selbstständigen Handeln kommen lässt, ist die Nanny der englischen Art eher zurückhaltend. Sie passt auf, lässt die Buben und die Mädels aber ihre eigenen Erfahrungen machen. Und wenn sie sich eine blutige Nase holen, ist sie da, mit Rat, Tat und Trost.

Vorsichtige Merkel

Angela Merkel, gerade zur mächtigsten Frau der Welt gekürt, wird wegen ihrer Stärke bewundert, wegen ihrer Zurückhaltung in der Krise aber auch getadelt. Sie wage in der Krise nicht den großen Wurf und verweigere die kühne Geste, die das Übel bei der Wurzel packt und endlich wieder Ruhe herstellt. Wirtschaftsweise schütteln den Kopf über die zögerliche Schritt-für-Schritt-Politik der deutschen Kanzlerin. Sie vermissen ein Gesamtkonzept.

Auch hier empfiehlt sich eine englische Parallele. Deutsche ­Politiker, die England besuchen, neigen dazu, ihre Gastgeber zu fragen: „Was ist denn Ihr Gesamtkonzept?“ Darauf erhalten sie gewöhnlich eine freundlich-ausweichende Antwort. Britische Politiker glauben im Allgemeinen nicht an ein sogenanntes Gesamtkonzept. Sie mögen für ihr Handeln einen Kompass haben, machen ihre Politik aber im Zweifel nach der Devise: „We cross this bridge when we get there.“ Das führt manchmal ins Chaos, ermöglicht aber ebenso oft eine Flexibilität, die es ihnen erlaubt, tatsächlich über die Brücke zu gehen, wenn sie vor ihren Augen auftaucht – während so mancher deutsche Konzeptpolitiker sich wundert, dass die Brücke nicht dort ist, wo sie sein sollte.

Der englische Weg

Angela Merkel handelt in diesem Sinne englisch. Was bleibt ihr auch anderes übrig? Bisher hat niemand den großen Wurf gezeigt, wohl aber haben viele völlig gegensätzliche große Würfe empfohlen. Die Weisen, die sich gelegentlich zu Wort melden, sind sich so uneins, als folgten sie der klassischen Devise: zwei Juristen, drei Meinungen.

Die größte Weltanschauungskluft aber klafft zwischen den Deutschen und den meisten europäischen Nachbarn. Der deutsche Sparwille und die deutsche Angst vor Inflation, die ja ihre historischen Wurzeln haben, werden andernorts nur bedingt verstanden. Selbst die Amerikaner sind wiedergeborene Keynesianer und sagen, dass in der ­Rezession nicht gespart, sondern von Staats wegen Gas gegeben werden muss. Im Zweifel auf Pump. Die deutsche Mehrheit sagt, gemeinsam mit ein, zwei kleineren Nachbarn, dass angesichts des eklatanten europäischen Schuldenstands ein neues Wachstum eben nicht auf noch mehr Pump bewerkstelligt werden kann.

Vor allem aber befürchtet man in Deutschland, dass eine gelockerte Ausgabenpolitik am Mittelmeer wieder die Schleusen öffnen würde, und zwar auf Rechnung der deutschen Steuerzahler. Dass die Kanzlerin den Wählern in der Heimat Zugeständnisse in dieser Richtung nur tröpfchenweise zumuten kann, versteht man auch im Ausland.

Trotzdem kommt die deutsche Sparsamkeit nicht nur am Mittelmeer als Knauserigkeit an. Auch das hat einen schlichten Grund: Während überall in Europa die Konjunktur lahmt, die Arbeitslosigkeit steigt und die Menschen gegen ihre Regierungen auf die Straße gehen, steht Deutschland als satter Koloss da. Erstaunliches Wachstum, Exportrekorde, nahezu Vollbeschäftigung und die Steuern fließen, dass Wolfgang Schäuble jubeln müsste, wenn er dazu neigen würde. Wer so satt dasteht und den Mageren das Sparen predigt, macht sich nun mal keine Freunde.

Hin- und hergerissen zwischen widersprüchlichen Sehweisen daheim und im Ausland, bleibt der Kanzlerin kaum eine andere Wahl, als unaufgeregt, schrittweise und aufs Notwendige konzentriert zu handeln. Dabei trifft es sich gut, dass dies ohnehin ihrem Naturell entspricht.

Ihre Politik der kleinen Schritte und der immer neuen kleinen, unangenehmen, aber notwendigen Zugeständnisse frustriert Experten, die in der Finanzpolitik zu Hause sind, in der Politik aber Amateure. Die ganz große Frage nach der Zukunft des Euro entzieht sich einer einfachen finanzfachlichen Antwort. Sie hat ebenso viel mit Politik wie mit Geld zu tun.

Fehlende Antworten

Der Euro war von Beginn an nicht nur ein Stück Geld, sondern eine politische Münze. Vor allem der Sündenfall Griechenland war von A bis Z politisch motiviert. Aber auch ohne das griechische Ärgernis ist und bleibt der Euro ein Stück Politik. Auch Länder wie England, die dem Euro-Klub nicht beigetreten sind, haben sich aus politischen Gründen dagegen entschieden. Das Pfund und die britische Wirtschaft stehen keineswegs besser da als der Euro und die Länder seiner Zone.

Der Euro ist Politik. Und das ist die Expertise der deutschen Kanzlerin. Sie reitet kühl die Wellen der Krise aus, lässt die großen Nachbarjungs auf den Tisch hauen und sieht zu, dass sie dann alle brav nach Hause gehen. Wie eine Nanny das so macht.

Rainer Bonhorst


Artikel vom: 2012-09-10 17:45:00
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