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Sprachprobleme

Falscher Hochmut: Bei den Eidgenossen kommen deutsche Belehrungsversuche nicht gut an. Mit „Schwyzerdütsch“ in Schweizer Behörden als Konsequenz würde der Schuss wohl nach hinten losgehen.

Der schweizerische Haftbefehl gegen deutsche Steuerfahnder mag unangenehm sein. Die Höchststrafe aber wäre sicher die, die der Schweizer Journalist Roger Schawinski, früher Chef von Sat.1, angeregt hat: Man solle mit den Deutschen und ihren Finanzbehörden nur noch „Schwyzerdütsch“ sprechen. Das könnte in der Tat das Ende jeglicher Verständigung sein.

Noch ist es nicht so weit. Wolfgang Schäuble und seine Kollegin Eveline Widmer-Schlumpf haben offenbar doch auf Hochdeutsch ein Steuerabkommen zustande gebracht. Aber die Kommunikation zwischen den beiden Nachbarländern ist gestört, jedenfalls die politische. Die Wirtschaft muss wieder mal unter dem politischen Radar hinwegfliegen und in allen verkehrsüblichen Sprachen die guten Beziehungen und Geschäfte weiter pflegen.

Das hat Tradition – und zwar immer dann, wenn Politiker die Sensibilität missen lassen, die im Umgang der beiden Länder miteinander unerlässlich ist. Es schwingt ja so vieles mit, wenn sich Deutsche und Schweizer begegnen. Vor allem, wenn es sich bei der Begegnung um Deutsch-Schweizer handelt, die zwei Drittel des Acht-Millionen-Volks ausmachen.

Zu den größten Seelenqualen eines Deutsch-Schweizers gehört zweifellos, bei jeder Auslandsreise zunächst einmal für einen Deutschen gehalten zu werden. Also für einen Angehörigen dieses im Vergleich riesigen Nachbarvolks, das sich in der Geschichte so wenig mit Ruhm bekleckert hat.   

Demokratie schon seit Wilhelm Tell

Und eines stimmt ja: Die Schweiz hat ein paar Jahre mehr Demokratie-Erfahrung als wir Deutschen. Je nachdem wie man zählt, kann man sagen: hundert Jahre mehr (1848 Gründung des demokratischen Bundesstaats) oder über 700 Jahre mehr (Alte Eidgenossenschaft mit viel bürgerlicher Selbstbestimmung, Bundesbrief von 1291, Wilhelm Tell). Wir Deutschen können es nach 63 beziehungsweise 23 Jahren auch schon ganz gut. Aber können wir erwarten, dass deutsche Versuche, der Schweiz Demo­kratie und Rechtsstaatlichkeit zu lehren, dort gut ankommen? Sie wirken wie der peinliche Versuch eines großen, muskelstrotzenden Lehrlings, dem alten Meister zu zeigen, wie es richtig gemacht wird. Und dann geht der Lehrling in Sachen Rechtsstaatlichkeit auch noch an den Tresor und schnappt sich Dokumente voller Betriebsgeheimnisse.

Nein, das kann die Liebe nicht fördern. Andererseits kann es dem Geduldigsten zu viel ­werden, wenn so ein kleiner, von Selbstgerechtigkeit und Hochmut nicht ganz freier Nachbar konstant mit halbseidenen Geschäften lockt und diese Gaunereien mit dem Nimbus erhabener Tradition umgibt.

So schwankt man zwischen Eskalation und Vernunft. Der eine will nicht davon ablassen, gestohlene Bankdaten zu kaufen, und der andere fuchtelt mit Haftbefehlen herum. Gleichzeitig vereinbart man ein Steuerabkommen, das Frieden schaffen soll.

Die Lage ist grotesk, zumal man sich in vielem so sehr ähnelt und obendrein noch wirtschaftlich eng verknüpft ist. Mit jedem einzelnen Hieb, den man dem anderen versetzt, schlägt man sich selbst. Sogar sprachlich ist der halbe Süden Deutschlands den Schweizern viel näher als den Berlinern. Vor allem aber setzt man über weite Strecken auf die gleichen Tugenden im interna­tionalen Geschäft.

Qualität und Präzision sind ebenso ein schweizerisches wie ein deutsches Markenzeichen. Da sind die Schweizer Uhren, natürlich. Aber Qualität und Präzision im Maschinenbau, mit dem sich Deutschland in aller Welt so erfolgreich schmückt, sind in der Schweiz ebenso zu Hause. Hier wie dort Hightech und Forschung von hohem internationalem Ansehen. Dort mehr Pharma, hier mehr neue Werkstoffe. In vielen Weltregionen werden beide Länder als unterschiedlich große Zwillinge wahrgenommen, die mit den gleichen Erfolgsrezepten handeln.

Bei derart viel Nähe – geogra­fischer, landsmannschaftlicher und wirtschaftlicher – ist es unausweichlich, dass man auch untereinander heftig handelt und wandelt. Es liegt in der Natur der Sache, dass hier Deutschlands Rolle als Riese zur Wirkung kommt. Deutschland ist klar vor den USA die Nummer eins, wenn man die Importe in die Eidgenossenschaft nimmt, und noch klarer bei den Schweizer Exporten in die Bundesrepublik. Vor allem aber ist man durch gegenseitige Investitionen, große und kleine, fast zu einem Wirtschaftsgebiet verzahnt. Es ist, als sei die Schweiz ein EU-Land mit besonderer Nä­he zu Deutschland.

Die Schweiz als Anti-Euro-Vorbild

Zurzeit kann man in der Schweiz auch noch wunderbar ablesen, wie es uns ginge, wenn wir den ungeliebten Euro verließen und die gute alte D-Mark wiederhätten. Der Franken schoss bekanntlich so in die Höhe, dass die Schweiz ihn mit allen Mitteln der Bankenkunst ganz eng an den Euro koppeln musste, um nicht ihr Auslandsgeschäft zu gefährden. Ein Lehrstück für Unzufriedene und D-Mark-Süchtige. Wir hätten das gleiche Problem. Aber an welchen Euro würden wir uns koppeln, wenn der seine deutsche Kraft verloren hätte?

Einer der größten Unterschiede zwischen den beiden Nachbarn hat mit dem Geld zu tun. Für die Schweiz ist der Bankensektor so wichtig wie für uns die Automobilbranche. Würde eines Tages ein Schweizer bei Mercedes-Benz eine DVD mit Kundendaten samt Rabatten entwenden, da würde auch Wirtschaftsminister Philipp Rösler ein ernstes Wort reden, und zwar auf Schwäbisch, einer Zwillingssprache des Schwyzerdütsch. 
 
Rainer Bonhorst


Artikel vom: 2012-05-05 16:48:00
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