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Putins Land

Russland hat gewählt: Der Mangel an Demokratie ist immer noch eklatant. Dennoch macht das Versprechen von stabilen Verhältnissen den alten und neuen russischen Präsidenten zu einem wichtigen Partner für die deutschen Unternehmen.

Anna Netrebko sang zwar nicht das ­Hohelied auf den alten neuen Prä­si­denten, aber sie wünschte ihm auch nicht der Hölle Rache an den Hals. „Es gibt keine Alternative“, sagte sie einem Reporter, nach ­ihrer Haltung zu Wladimir Putin gefragt. Mit dieser nüchternen, mehr zustimmenden als ablehnenden Bewertung sprach sie wohl für die Mehrheit ihrer Landsleute – und nicht nur für sie: Auch westliche Geschäfts­leute und Unternehmer, die nach Russland exportieren, aus Russland importieren und in Russland investieren, träumen nicht von einem Russland ohne Putin.

Die politischen Betrachter, von den offiziellen Wahlbeobachtern bis zu den meisten Medien, schauen mit anderen Augen auf Russland. Sie beklagen die Tricksereien, Manipulationen und Drohgebärden, die die Präsidentenwahl zu einer faulen Angelegenheit gemacht haben. Sie tun es zu Recht. Und die Wirkung der Kritik, vor allem die der russischen Opposition, sollte auf Dauer nicht unterschätzt werden. Was sich auf Russlands Straßen tut, könnte durchaus bewirken, dass dies Putins letzter Wahlsieg war.

Oder auch nicht. Sechs Jahre sind eine lange Zeit. Und das Absurde an den Wahlmanipulationen ist ja, dass sie wahrscheinlich überflüssig waren. Putin hätte wohl auch bei fairen Wahlen eine Mehrheit für sich gewonnen. Er hätte nicht die mehr als 60 % bekommen, auf die er so großen Wert legte und für die er seinen ohnehin zweifelhaften Ruf als Demokrat noch einmal beschädigte. Aber er hätte es ziemlich sicher geschafft.

So alternativlos Putin als Person zu sein scheint – der vorläu­fige Mangel an Alternativen bezieht sich ebenso auf das System. Könnte Putin (oder ein anderer) das riesige Russland überhaupt regieren, wenn er der lupenreine Demokrat wäre, für den Gerhard Schröder ihn immer noch hält?

Wer an das durchstrukturierte Deutschland gewöhnt ist und in Russland Geschäfte macht, weiß, wie sehr man umdenken muss. Der deutsche Exporteur oder Investor findet in den Regionen Moskau und St. Petersburg ja noch halbwegs berechenbare Verhältnisse. Kein Wunder, dass dort der größte Teil des deutsch-russischen Geschäftslebens stattfindet. Je weiter man sich aber von diesen Zentren entfernt, je weiter man sich hinauswagt in die Unendlichkeit dieses größten Landes der Welt, desto deutlicher erlebt der Abenteurer, dass Russland mit anderen Maßstäben zu messen ist.

Diese Einsicht ist für deutsche Unternehmer besonders wichtig, denn Deutschland steht (wenn auch knapp) vor China an der Spitze der russischen Abnehmer und nimmt auch in umgekehrter Richtung einen Spitzenplatz ein. Und die Aussichten, dass das so bleibt, sind gut. Russland hat nach dem Einbruch im Krisenjahr 2009 wieder ein solides Wachstum. Das Land erholt sich langsamer als die anderen BRIC-Staaten, aber spürbar. Und das nach seiner jüngeren Geschichte voller Unordnung und Turbulenzen. Michail Gorbatschow, der Held der west-östlichen Entspannung, hat in seinem Heimatland fast unvermeidlich einiges an Chaos hinterlassen. Das wurde unter Boris Jelzin noch schlimmer. Der Mann, der sich als Retter der Demokratie in Russland auszeichnete, ließ eine Meute amerikanischer Berater ins Land, die Russland als Expe­rimentierfeld eines regelrechten Raubtierkapitalismus missbrauchten. Das hat dem Land nicht gutgetan. Erst unter Putin wurde mehr Normalität und Berechenbarkeit, wenn auch eine weniger demokratische erzielt. Russlands Geschäftspartner konnten aufatmen und tun es immer noch.

Die unendlichen Vorräte an Rohstoffen sind noch für lange Zeit das attraktivste Angebot der Russen an den Westen. Diese Versorgung ist stabil, das Geschäft zuverlässig, auch wenn es in diesem kalten Winter ein paar Sorgen gegeben hat. Umgekehrt ist der Bedarf an Gebauchsgütern in Russland so stark wie kaum zuvor. Im Schatten der superreichen Oligarchen wächst und gedeiht eine Mittelschicht, die eine Vorliebe für westliche Waren hat und sie sich auch leisten kann. Der allgemeine, wenn auch ungleich verteilte Wohlstand hat sich in zehn Jahren verdoppelt. Autos, Reisen, die verschiedensten Luxusgüter: Das Geschäftsklima ist alles andere als sibirisch.

Allerdings steht gerade die kauffreudige Mittelschicht dem Präsidenten durchaus zwiespältig gegenüber. Die Wohlhabenden verdanken nicht zuletzt ihm das Mindestmaß an bürgerlicher Ordnung, in der ihr Wohlstand gedeihen kann. Aber mit dem Wohlstand wächst gleichzeitig auch der Wunsch nach mehr Mitsprache und Demokratie, die diesen Namen verdient. Es sind die Geister, die Putin rief. Es sind gute, ihm aber lästige Geister.

Mehr Demokratie wagen und zugleich die straffe Führung sicherstellen, ohne die das Riesenreich im Chaos versinken würde – das ist die Mammutaufgabe der nächsten Jahre. Ob und wie Putin sich ihr stellen wird, ist allerdings noch nicht abzusehen. Die Wahlkampfzeit wies in Richtung Härte, aber das muss nicht so bleiben. Im Übrigen geht es dabei nicht nur um politische ­Reformen. Rechtssicherheit, Korruptionsbekämpfung, Privatisierung – Russland muss noch viel geschäftsfreundlicher werden, will es sein volles Potenzial ausschöpfen. Putin hat dafür nun sechs Jahre Zeit; wenn alle Stricke reißen, sogar zwölf.
Rainer Bonhorst


Artikel vom: 2012-04-05 15:00:00
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