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England ist keine Insel

Wirtschaft: Selbst wenn sich England manchmal gern von der EU losreißen will – das wäre nur um den Preis des Niedergangs möglich. Zu eng sind die Verflechtungen. Und gerade die britische und die deutsche Wirtschaft brauchen sich in der Krise.

Herr Müller macht es richtig. Er ist auch kein ganz gewöhnlicher Müller, sondern er heißt Torsten Müller-Ötvös und er zeigt den Engländern, wie man einen Rolls-Royce baut. Er ist der CEO von Rolls-Royce Motor Cars und hat das legendäre Unternehmen vor dem Abgrund gerettet. Heute laufen die Edelautos wieder wie geschmiert. Sie werden in England gebaut, sehen wie waschechte Engländer aus, sind unter der Haube aber unübersehbar bayerisch. Kann es ein besseres Beispiel für die erfolgreiche, aber hochsensible englisch-deutsche Beziehung geben? Sie erfordert Können und kluge Diplomatie, dann ist sie unschlagbar. Der größte Fehler wäre, das jeweils aktuelle Gezänk der Politiker diesseits und jenseits des Kanals allzu ernst zu nehmen. Ob Großkonzern, ob Mittelständler: Sie sollten sich nicht von den Wellen der politischen Emotionen treiben lassen.

Deutsche Panzer und französische Frösche

Politisch sind die Briten auf dem Kontinent gerade mal wieder unten durch. Auch in Deutschland sind sie zum Lieblingsthema der politischen Komödianten aufgestiegen, gleich hinter der FDP. Umgekehrt gilt Ähnliches. Britische Medien lassen wieder deutsche Panzer rollen und ölige Franzosen Frösche essen. Doch das findet nur auf der zwar lautesten, aber kleinsten Bühne des britisch-europä­ischen und britisch-deutschen Theaters statt. Auf der Hauptbühne  geht es um Wirtschaft. Und da ist man so eng und erfolgreich miteinander verflochten, dass der politische Lärm nur ein lästiges Hintergrundgeräusch ist.

Für deutsche Firmen ist Großbritannien nach wie vor einer der interessantesten Plätze. Das Königreich steht an vierter Stelle der deutschen Exportziele. Über die Hälfte der britischen Importe kommt aus der Europä­ischen Union, und davon fast die Hälfte aus Deutschland.

Und das spürt jeder, der heute nach England fährt. Bei aller britischen Exotik: Ein Blick auf das Warenangebot gibt dem Reisenden durchaus das Gefühl, mitten in Europa zu sein. Deutsche Wurst und deutsches Bier, von den Autos ganz zu schweigen; aber auch französische Mode und italienische Köstlichkeiten beziehungsweise umgekehrt. Eine Selbstverständlichkeit? Keineswegs. In den frühen Jahren der britischen EU-Mitgliedschaft verzweifelte der Tourist auf der Insel noch zwischen Mother’s Pride, Marmite, Fish and Chips und warmem Ale. Der englische Lebensalltag war so eigen, dass Kontinentaleuropa im Vergleich dazu wie eine einzige große Lebensart-Familie wirkte. Man muss ein paar Jahrzehnte zurückschauen, um zu sehen, wie europäisch die Insel geworden ist.

Aber die Beziehungen sind keine Einbahnstraße. Die Briten exportieren mehr Waren nach Deutschland als in die gesamten BRIC-Staaten (Brasilien, Russland, Indien und China). Auch Indien, das alte Juwel in der Krone des britischen Empires, kann also – trotz der nie versiegenden Erinnerung an Krieg, Kaiser und Hitler – mit den englisch-deutschen Beziehungen nicht konkurrieren.

Tausend britische Firmen sind in Deutschland aktiv. Und David Lidington, der britische Handelsminister, sagt: „Wir wollen noch mehr. Unsere Wirtschaftsbeziehungen zur Europä­ischen Union und vor allem zu Deutschland sind eine Voraussetzung für den Wohlstand in Großbritannien.“

Stimmt. Allein 2 500 deutsche Firmen haben Niederlassungen im Königreich. Nahezu eine halbe Million Arbeitsplätze hängen an dieser deutschen 100-Mrd.-Euro-Investition. Aus den anderen EU-Ländern kommt das Gleiche noch einmal hinzu. Ob England will oder nicht, das Königreich ist so fest in Europa verankert, dass es sich nur um den Preis eines Niedergangs losreißen kann.

Wechselhafte Liebe

Dass man sich so nahegekommen ist, hat nicht nur mit ­gegenseitiger Liebe zu tun. Die ist sehr wechselhaft, wie wir zurzeit erleben. Das hat praktische Gründe. England ist für Großkonzerne und für Mittelständler ein hochinteressanter Markt. Er ist sprachlich leichter zu bewältigen als alle BRIC-Länder. Er ist einer der großen in Europa. Er ist uns Deutschen, trotz aller insularen Eigenbrötelei, verwandt und vertraut. Und er ist ein Weg hinaus in die englischsprachige Welt des Commonwealth und der anderen ehemaligen Kolonien. Umgekehrt ist England dank seiner Weltsprache für Unternehmen aus aller Welt das Tor nach Europa.

Auch England kämpft gegen die Rezession

Es lohnt sich also, in England am Ball zu bleiben und weiter mit der Insel zu rechnen. Das wird in nächster Zeit nicht gerade leichter werden. Aber das hat weniger politische als wirtschaftliche Gründe. Ganz Europa, ja die halbe Welt, kämpft gegen die Rezessionsgefahr. Und in dieser Lage befinden sich England und Kon­tinentaleuropa gemeinsam. Zusammen gewinnt man und zusammen verliert man.

Die Gemeinsamkeit lebt trotz der Lautsprecherpolitik jenseits und diesseits des Kanals von der praktischen Vernunft der Wirtschaft. Das Ergebnis muss ja nicht immer ein englisch-bayerischer Rolls-Royce sein. Es geht auch ein paar Nummern kleiner, zum Beispiel mit dem Mini, ebenfalls ein waschechter Engländer mit bayerischem Innenleben. Oder, noch kleiner, mit einem Allgäuer Yoghurt, der im Königreich weggeht wie warme Semmeln, die dort leider nicht zu haben sind. Noch nicht? Wer weiß. Längst machen deutsche Weihnachtsmärkte auf der Insel gute Geschäfte. Bratwurst statt Fish and Chips. Wenn das möglich ist, ist nichts unmöglich.

Rainer Bonhorst


Artikel vom: 2012-02-11 14:11:00
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