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Diese Krise ist nicht anders

Weltwirtschaft: Die aktuelle Krise folgt ähnlichen Mustern wie vorhergehende, meint Prof. Joachim Scheide, Leiter des Prognose-Zentrums am Institut für Weltwirtschaft (IfW). Zwar hat sich die Konjunktur rasch ­erholt, doch das Vorkrisenniveau ist noch lang nicht erreicht. Aber das ist nicht das einzige Problem: Die Risiken für einen Einbruch wie nach Lehman sind hoch.

WirtschaftsKurier: Herr Pro­fessor Scheide, Sie prognostizieren für die Weltwirtschaft im kommenden Jahr einen Abschwung. An welchen Kennziffern machen Sie das fest?


Prof. Joachim Scheide: Seit der Jahresmitte sind in fast allen ­Ländern die Stimmungsindikatoren eingebrochen. Gleichzeitig stürzten die Aktienkurse ab. Nach und nach zeigt sich auch an den sogenannten harten Daten zur Nachfrage und zur Produk­tion, dass es mit der Konjunktur abwärtsgeht.

Wie stark wird der zu erwartende Abschwung?

Wir erwarten einen Rückgang des Produktionsanstiegs in der Weltwirtschaft von 3,8 % in diesem Jahr auf 3,5% im Jahr 2012. Die Länder sind ganz unterschiedlich betroffen. In den Schwellenländern verlangsamt sich das Expansionstempo, bleibt aber recht hoch. In den meisten Industrieländern kommen wir in eine Stagnationsphase, und in ­einigen droht ein Rückgang der Produk­tion bis hin zu einer Rezes­sion.

Ist ein so starker Rückgang unausweichlich?

In einigen Ländern ist die Rezession ja schon da, besonders ausgeprägt in Griechenland, aber auch in ein paar weiteren „Pro­blemländern“ in Europa. Andere Länder werden eine Rezession vermutlich so gerade vermeiden können, dazu würde ich auch die USA und Deutschland zählen. Aber man muss dazusagen: Die Prognose ist derzeit sehr un­sicher. Die Wahrscheinlichkeit, dass es deutlich heftiger kommt, ist groß. Wir können eine ähnlich dramatische Entwicklung wie 2008/2009 nicht ausschließen.Für die gegenwärtige Entwicklung gibt es diverse Risiken. Die Aussichten könnten sich noch dramatisch verschlechtern.

Wie groß ist das Risiko für ei­nen Einbruch wie nach Lehman?

Es ist kein Restrisiko, sondern hat eine Wahrscheinlichkeit von etwa 30 %. Alles hängt mit dem Fortgang der Schuldenkrise zusammen, und die ist derzeit nicht gelöst, weder diesseits noch jenseits des Atlantiks.

Wenn es „nur“ eine Rezes­sion gibt: Wie lang wird das Tal dauern?

Wenn alles gut geht und die Schuldenkrise nicht eskaliert, dürfte sich die Konjunktur im Verlauf des nächsten Jahres ­fangen, und es kann dann wieder aufwärtsgehen, allerdings nur leicht und auch nicht überall.

Dieser Abschwung ist der lang erwartete Double Dip. Was sind die Ursachen?

Wir sind mit der Finanzkrise noch nicht durch. Vielmehr erleben wir nun die zweite Welle der Finanzkrise, die sich in einer Überschuldung der Staaten äußert, nachdem 2008/2009 die erste Welle ausgelöst wurde durch eine Überschuldung des Privatsektors, nicht zuletzt in Zusammenhang mit der Immobilienpreisblase in vielen Ländern.

Einige Beobachter sagen, dass bei dieser Krise alles anders ist. Ist das wirklich so?

Nein, es ist wieder einmal nicht anders. Im Vorfeld solcher Krisen, wie wir sie 2008 erlebten, gibt es viele Verwerfungen, die bereinigt werden müssen, und das braucht Zeit. Zum Beispiel war eben der Bausektor in einigen Ländern zu groß. Das bedeutet dann auch, dass wir in den betroffenen Ländern auch künftig eine nur schwache Erholung sehen werden, was für viele enttäuschend sein mag. Daran wird sich auch nichts ändern, wenn, wie in den USA, versucht wird, die Konjunktur mit ­allen Mitteln anzukurbeln.

Viele Unternehmer in Deutschland sind noch ausgesprochen optimistisch – zu Recht?

In Deutschland ist die Lage noch relativ rosig, auch weil wir eben nicht eine hausgemachte Krise hatten. Und die Arbeitnehmer haben sich in den vergangenen Jahren sehr flexibel gezeigt, sodass der Arbeitsmarkt erstaunlich robust blieb. Allerdings: Dem Abwärtssog, der von der Weltwirtschaft ausgeht, können sich auch die deutschen Unternehmen nicht entziehen. Das sieht man ja auch daran, dass die Exporterwartungen zuletzt deutlich pessimistischer geworden sind.

Wie unterscheidet sich die Lage in Deutschland von anderen Eurostaaten?

Neben dem schon erwähnten ­Arbeitsmarkt muss man hier das oft gescholtene „Exportmodell Deutschland“ loben. Die Tatsache, dass wir in die schnell wachsenden Volkswirtschaften viel mehr exportieren als die übrigen Staaten, wird uns auch künftig helfen, denn die Länder werden weiter schnell wachsen und ­unsere Produkte nachfragen. Unsere Wettbewerbsfähigkeit ist ­sicherlich auch eine Stärke. Und schließlich sollte man nicht vergessen: Die Regierung muss nicht so kräftig bremsen wie die in anderen Ländern, die teils massive Verschuldungsprobleme haben.

Derzeit versucht die Politik, die Eurozone als Ganzes zu erhalten. Wird das gelingen?

Vor zwei Jahren hätte ich gedacht: ja. Aber inzwischen kann man nicht mehr sicher sein, und in der Politik werden ja schon offen Mög­lichkeiten diskutiert. Ich glaube, man hat erkannt, dass die Rettungsphilosophie nicht durchzuhalten ist. Man kann eben heute nicht mehr, wie Herr Barroso es getan hat, sagen: „Koste es, was es wolle!“ Die Grenzen sind da, und ich hoffe, dass einer der letzten Pfeiler des Maastrichter Vertrags, nämlich die Unabhängigkeit und Stabilitätsverpflichtung der EZB, nicht auch noch gekippt wird. Daran wird ja derzeit kräftig gerüttelt, weil sich manche von mehr Inflation „die Lösung“ der Schuldenkrise versprechen. Meiner Meinung nach wäre das aber das sichere Ende der Währungsunion.

Wie hoch ist die Inflation und wie wird sie sich weiterent­wickeln?

In normalen Zeiten würde ich ­sagen: Sie bleibt in der Nähe von 2%. Aber die Zeiten sind nicht normal. Wenn den Regierungen die Lösung des Schuldenpro­blems nicht gelingt, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass die Inflation kommt. Leider nimmt die Zahl derjenigen zu, die genau
das empfehlen. Nur: Mit Inflation löst man das Problem auch nicht.
Wie groß ist die Gefahr, dass Griechenland doch noch pleite gehen könnte?

Was heißt pleite? Griechenland wird die Schulden nicht bedienen können, und es ist nur die Frage, wie groß der Schuldenschnitt sein muss. Ich glaube, in Griechenland und anderswo werden die wenigen Optionen, die noch bleiben und die alle leider grausam sind, derzeit gründlich erörtert. Ich würde nichts mehr ausschließen. Was zu denken gibt, ist, dass die Kapitalflucht sich offenbar ­beschleunigt. Das erfordert, dass schnell Klarheit herrscht.

Wie groß sind die Schwierig­keiten in Italien wirklich?

Man könnte sagen, dass die Solvenz nicht gefährdet ist. Aber man muss auch Folgendes sehen: Dem Land ist es seit Beginn der Währungsunion nicht gelungen, den Schuldenstand nachhaltig zu verringern, trotz aller Versprechen. Nun sollen die Märkte und wir alle glauben, dass künftig aber „ganz bestimmt“ gespart wird. Kann sein, dass das so kommt, und ich bin sicher, dass Herr Monti weiß, was nötig ist. Aber: Das wird eine schwere Reise, denn die Wachstumsaussichten für Italien sind schlecht. Da braucht es schon viel Überzeugungskraft, dass das Land so ­einen Kurs über Jahre mitgeht. Die Märkte haben hier Zweifel, und ich kann das nachvollziehen.

Die Diskussionen um die Bonität Frankreichs reißen nicht ab. Wie hoch ist die Gefahr einer Herabstufung?

Frankreich hat sich in der Vergangenheit wenig um Regeln für
die Finanzpolitik gekümmert. Ich weiß nicht, ob sich daran etwas ändert.

Wie schätzen Sie die Lage in den USA ein?

Auch hier verläuft die konjunkturelle Erholung schleppend, das schon erwähnte typische Muster der Erholung nach einer Krise. Das ist auch der Grund, warum die Arbeitslosigkeit dort so hartnäckig hoch ist, eine Quote von 9 % ist für amerikanische Verhältnisse immer noch ein Krisenzustand, zumal die Zahl der Langzeitarbeitslosen weiter zunimmt. Im Vergleich zur Normalsituation fehlen dort rund 10 Mio. Arbeitsplätze, und das in dem Land mit der sogenannten Jobmaschine.

Wenn das so ist, handelt denn die Politik dort nicht richtig?

Ich glaube, hier gibt es ein großes Risiko, nicht nur für die USA. Der Schuldenberg des Staates ist enorm, und die amerikanische Wirtschaft wird aus den Schulden wohl nicht herauswachsen. Das bedeutet: Wenn nicht bald kräftig konsolidiert wird, droht eine ­echte Schuldenkrise, denn die Investoren werden nicht mehr lang gewillt sein, so niedrige Zinsen zu akzeptieren. Dass Zinsen auch ganz plötzlich in die Höhe schießen können, haben wir ja in ­Europa gesehen. Auch die Notenbank geht ein großes Risiko ein mit ihren Käufen von Staatsanleihen und dem Anwerfen der Notenpresse. Wenn die Märkte hier vermuten, dass es auf eine stärkere Inflation hinausläuft, wird es eine massive Korrektur bei den Zinsen geben. In der Folge wird dann auch der Dollar abstürzen, was dann wiederum andere Länder trifft.

Schwellen- und Entwicklungsländer zeigen nach wie vor ein gutes Wachstum. Wird sich das in diesen Regionen abschwächen?

Viele diese Länder sind an der Ka­pazitätsgrenze angekommen, das zeigt sich ja auch an der Inflationsbeschleunigung, die es dort gibt. Die Politik hat mit Brems­manövern reagiert, um eine Überhitzung zu vermeiden. Insofern kann man sogar sagen: Die Konjunkturabschwächung dort ist erwünscht. Allerdings wird das Tempo immer noch recht hoch sein. Das hat auch damit zu tun, dass diese Länder derzeit zu-meist keine großen Stabilitätsprobleme haben. Das war nicht immer so, wie wir wissen.

Die Entwicklung in den BRIC-Staaten verläuft sehr unterschiedlich ...

Unter diesen Staaten ragt China ganz klar heraus. Das Land hat seinen Lebensstandard in den vergangenen 15 Jahren vervielfacht und ist dabei etwa doppelt so schnell gewachsen wie Indien. Das haben wir auch in Deutschland gespürt, denn viele Unternehmen können sich darüber freuen, dass sie jährlich ihren Absatz dorthin um etwa 50 % steigern. Dagegen verblasst die Dynamik in Russland deutlich, das zudem eben immer noch sehr stark von der weltweiten Nachfrage nach Rohstoffen abhängt.

Die Hoffnung auf Erholung der Weltwirtschaft ruht auf  Schuldenreduzierung und Wachstum. Gibt es angesichts der Reife der Volkswirtschaften in den fortgeschrittenen Ländern überhaupt noch genügend Wachstumspotenzial?

Das Potenzial ist auf jeden Fall da und, ich meine, der Wunsch ebenfalls, denn nach wie vor wün­­schen wir uns doch, dass wir der nächsten Generation sagen können: Euch soll und wird es besser gehen als uns. Nichts anderes meinen wir mit Wachstum. Und ich bin sicher: Die Chinesen wollen auch einmal so reich sein wie wir. Also werden sie alles in diese Richtung tun. Grenzen des Wachstums? Die wurden schon einmal ausgerufen. Ich bin Op­­­ti­mist und glaube, dass die Marktwirtschaft die Grenzen weiter ­hinausschieben kann.

Das Interview führte
­Elwine Happ-Frank, ­
Chef­redakteurin des
WirtschaftsKuriers


Artikel vom: 2011-12-22 08:33:00
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