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Knappheit macht erfinderisch

WirtschaftsKurier: Unter dem Motto „Knappheit macht erfinderisch“ haben Sie eine Diskussion über eine Innovationskultur jenseits eines Wachstumsparadigmas angestoßen. Ist das zeitgemäß?

Prof. Marion A. Weissenberger-Eibl: Das ist ein ganz zentrales Thema, bei dem die Innovationsfähigkeit neu definiert werden muss, um eingefahrene, ausge­tretene Wege zu verlassen und sich bewusst zu machen: Innovationen entstehen eigentlich immer in Grenzbereichen. Man kennt das aus der Nachkriegszeit, wo aus Mangelsituationen sehr viel Kreativität entstanden ist.

Wie ist das auf heute übertragbar?

Schauen wir die Situation bei den Seltenen Erden an, zum Beispiel bei Neodym, das für die Permanentmagneten in der Elektromobilität eine große Rolle spielt. Wir müssen mit diesen Ressourcen intelligenter, wirtschaftlicher und nachhaltiger umgehen. Der Prozess, sich mit Beschränkungen auseinanderzusetzen und sie bewusst in den Innovationsprozess einzubauen, kann sehr viel Kreativität auslösen – und in der Folge auch neues Wachstum.

Hat die Wirtschaft das erkannt?

Unternehmen, die sich beispielsweise mit der Elektromobilität ­beschäftigen, haben das durchaus auf der Agenda für ihre strategische Planung. Grundsätzlich müssen wir im Rahmen einer breit angelegten Diskussion von Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und interessierten Bürgern eine Innovationskultur entwickeln, bei der Wirtschaftswachstum nicht gleich höherer Ressourcenverbrauch bedeutet, sondern durch eine intelligentere Nutzung der Rohstoffe zu einem veränderten Wachstumsparadigma kommen.

Das Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI berät viele Unternehmen. Mit welchen Fragen kommen Mittelständler zu Ihnen?

Das sind ganz unterschiedliche Themen. Die Bandbreite reicht von der Bereitstellung von Informationen als Grundlage für strategische Entscheidungen bis zur Unterstützung bei der Umsetzung und Entwicklung neuer Prozesse. Wir können mit unserem interdisziplinären Know-how unternehmerische Optionen analysieren, beispielsweise wenn es um die Verlagerung von Standorten oder die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle geht. Wir untersuchen dabei technische, organi­satorische und politische Fragen und ihre Wechselwirkung. Dabei decken wir oft Dinge auf, die den Unternehmen zuvor gar nicht bewusst waren.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Wir haben in Baden-Württemberg vier KMU-Unternehmen bei der Entwicklung einer Technologie-Roadmap unterstützt. Dabei handelte es sich um Start-ups aus ganz unterschiedlichen Branchen von der Biotechnologie bis zur IT. Wir haben dabei mit der Methode der Technikvorausschau untersucht, wie man IT-Potenzial nutzen kann, um die Innovationsfreudigkeit entsprechend zu gestalten.

Was haben Sie dabei konkret gemacht?

Wir haben in Workshops mit den vier Unternehmen die Roadmaps aufgebaut. Ausgehend von der speziellen Fragestellung der Beteiligten haben wir einen Plan ­erarbeitet, welche Aktivitäten über einen gewissen Zeitraum in den Bereichen Märkte, Techno­logien und Kompetenzen geplant werden. Auf diese Weise haben wir eine unternehmerische Strategie erarbeitet.  

Start-ups und kleine Unternehmen haben in der Regel keine großen Budgets. Wie wurde das Projekt finanziert?

Es gibt viele Fördermöglichkeiten für kleine Mittelständler, beispielsweise das ZIM-Programm des Bundeswirtschaftsministe­riums. Im Fall der baden-württembergischen Firmen stellte ­au­ßerdem das Land eine Co-Finanzierung bereit. Das entscheidende Thema ist bei KMUs aber gar nicht so sehr das Geld ...

Sondern?

Bei den erwähnten Unternehmen gab es eher Bedenken, ob die Entwicklung der Roadmap zu viel Zeit und Kapazitäten bindet. Aber es hat sich gezeigt, dass man  mit vier eintägigen, aufeinander aufbauenden Workshops einen großen Schritt in der strategischen Planung vorankommt. Mit dem Orientierungsrahmen der Roadmap kann man eine Auswahl an Projekten treffen, die man in die Agenda des Tagesgeschäfts aufnimmt. Damit sind ­Tagesgeschäft und strategische Planung keine parallel laufenden Prozesse mehr, sondern sinnvoll miteinander verschränkt. Das Fraunhofer ISI setzt bei solchen Projekten häufig „inter­disziplinäre“ Ansätze ein.

Was ist darunter zu verstehen?

Nehmen wir mal einen Mittelständler der Maschinen- und Anlagenbranche. Ausgangspunkt ist immer die Frage, wie ein Hersteller die Wertschöpfungskette so ausrichten kann, dass er wettbewerbsfähiger wird. Zunächst bringen wir unser ingenieurwissenschaftliches Know-how ein und untersuchen, wie die Produktionsprozesse im Maschinen- und Anlagenbau ablaufen, was sich in der Forschung tut und wel­che neuen Technologien es gibt.

Welche Disziplinen kommen noch zum Einsatz?

Unsere Sozialwissenschaftler untersuchen, wie sich die Veränderungen in der Wertschöpfungskette auf die Organisation des Unternehmens und die Arbeit des einzelnen Mitarbeiters auswirkt. Unsere Psychologen beleuchten, inwieweit die Mitarbeiter neue Kompetenzen erwerben müssen. Auf Basis dieser Erkenntnisse ­untersuchen wir, welche Auswirkungen das auf die Wirtschaft­lichkeit des Unternehmens hat. Denn am Ende eines solchen ­Prozesses soll eine Erhöhung der Wettbewerbsfähigkeit stehen.

Alle reden über Innovationen und innovative Unternehmen.Sie betonen aber häufig, dass nichtforschungsintensive Firmen mehr Aufmerksamkeit verdienen. Warum?

Für mich ist das ein ganz wichtiges Thema. Unsere Forschungen haben ergeben, dass – und das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen – 41 % der indus­triellen Wertschöpfung von nicht-forschungsintensiven Firmen kommen und sie die Hälfte aller Erbwerbstätigen beschäftigen.

Müsste die Politik die Forschungsförderung stärker darauf ausrichten?

Nein, dabei geht es mir um ein anderes Thema. Die nichtforschungsintensiven Unternehmen arbeiten intensiv an der Opti­mierung von Prozess- und Herstellungsverfahren, um dem ­Kunden eine maßgeschneiderte Lösung zu bieten. Das sind kon­-­ti­nu­ier­liche Weiterentwicklungen, die anders – nämlich nicht so sprunghaft – stattfinden wie bei inno­vativen Unternehmen. Ich plädiere für einen stärkeren Austausch von forschungsintensiven und nichtforschungsintensiven Firmen. Das könnte zu einer Stei­gerung der Innovations­fähigkeit in der ganzen Wertschöpfungskette führen.

Der Austausch zwischen Wissenschaft und Praxis könnte verbessert werden. Woran hapert es am meisten?

Hochschulen und Praxispartner sollten gemeinsam neue Kon­zepte zur Verbesserung des Wissensflusses und zur effizienteren Wissensverwertung entwickeln. Dafür könnten sich erstens die Univer­sitäten stärker am Weiterbildungsmarkt beteiligen. Denkbar wären hier neue Formate, mit denen Mit­arbeiter, die schon ­einige Jahre berufstätig sind, an Hochschulen ihre Kenntnisse ­aktualisieren können.

Was könnte man noch machen?

Wir schlagen außerdem Koope­rationen für Industrieprojekte vor. Man könnte professionelles Handeln, das in Unternehmen zum Einsatz kommt, schon an den Universitäten einüben. Studierende und Ingenieure aus ­Unternehmen könnten beispielsweise für drei bis sechs Monate gemeinsam an einer Fragestellung arbeiten. Das Ganze wird durch die Hochschule begleitet, sodass gleichzeitig ein Evalu­ie­rungsprozess stattfindet.

Das Fraunhofer ISI hat die Innovationsfähigkeit Deutschlands untersucht und dabei große Verbesserungen festgestellt. Wo wurden die Fortschritte erzielt?

Deutschland hat die Innovationsleistungen in den vergangenen fünf Jahren deutlich verbessert und belegt unter 26 Industrienatio­nen mittlerweile Platz vier. Die wesentlichen Gründe dafür sind die hohen Investitionen der ­öffentlichen Hand in Forschung und Wissenschaft, aber auch die intensiven Anstrengungen der Wirtschaft, die trotz Finanzkrise weiter in Forschung und Entwicklung investiert hat.

Trotzdem liegt Deutschland nicht in der Spitzengruppe. Wie könnten die Rahmenbedingungen verbessert werden?

Die große Schwachstelle des deutschen Innovationssystems – und das wissen wir eigentlich schon seit Jahren – ist der Bereich Bildung. Das ist für eine so be­deutende Industrie- und Technologienation wie Deutschland ­einfach nicht hinnehmbar. Ohne Bildung gibt es keine gute Forschung, keine marktfähigen Innovationen und auch kein Wirtschaftswachstum. Der Bildungsbereich ist eine zentrale Schlüsselkompetenz für die Zukunft. Hier müssen radikale Schritte unternommen werden.

Ein Blick in die Zukunft: Wie werden sich Innovationsprozesse verändern?

Wir sehen beispielsweise den Trend, dass die Menschen zunehmend motivierter werden, sich an Innovationsaktivitäten zu beteiligen. Beispiele, die das sehr schön zeigen, sind Opensource-Communities oder Crowdsourcing-Initiativen. Aber auch neue Technologien wie Web-2.0-Anwendungen oder neue Software-Algorithmen sind Treiber für zukünftige Innovationen.

Welche Auswirkungen hat das?

Das macht den Austausch von Wissen und die Zusammenarbeit auf globaler Ebene einfacher, ­erschwinglicher, aber auch komplexer. Denn es wird eben an-ders über eine Sache nachgedacht, wenn sich mehrere Generationen daran beteiligen – seien es junge Leute, die in sozialen Netzwerken ganz andere „Welten“ entwickeln, oder sei es die Wirtschaft, die die Techno­logien anwendet.

Wo sehen Sie das Institut in zehn Jahren?

Der internationale Innovationswettbewerb wird in den nächsten zehn Jahre sicherlich noch spannender werden. Grundsätzlich wünsche ich mir, dass die systemischen Ansätze, die wir in Wirtschaft und Politik benutzen, noch mehr Resonanz finden. Das mag auf den ersten Blick komplex erscheinen, im Endeffekt führt es zu mehr Effizienz und Effektivität im Innovationsgeschehen.

Das Interview führte
Elwine Happ-Frank,
Chefredakteurin des
WirtschaftsKuriers


Artikel vom: 2012-10-13 11:28:00
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