Trends - Hintergründe - Innovationen
Home Kontakt Sitemap 

Aktuelle Printausgabe

Abo WirtschaftsKurier
inkl. 7% MwSt.
Zusendung per Post

Abonnement
27,50 Euro
Studenten-Abo*
20,62 Euro
Mehrfachlieferungen** ab 5 Stück
20,62 Euro

*Bitte gültige Immatrikulations-
bescheinigung an den Verlag senden

** Vorzugspreis kann nur gewährt werden, wenn ein identischer Besteller, Empfänger und Zahler die jeweilige Menge abnimmt


Abonnement Ausland – Jahrespreis
ohne MwSt.
Zusendung per Post

Abonnement
38,40 Euro


Weimer Media Group
Maximilianstraße 13
80539 München

Tel: 08022-7044443
E-Mail: Abo-Bestellung


Das Abonnement verlängert sich automatisch um jeweils ein Bezugsjahr, wenn nicht zwei Monate vor Ablauf gekündigt wird.
Widerrufsgarantie: Sie können die Bestellung innerhalb von zehn Tagen ohne Angabe von Gründen schriftlich bei der Weimer Media Group, Maximilianstraße 13, 80539 München, widerrufen. Zur Fristwahrung genügt die rechtzeitige Absendung (Poststempel).

Kultur des Wissens

Bleibt mit der Allgegenwärtigkeit des Internets wirklich kein Stein auf dem anderen oder führt sie im Gegenteil zur Rückbesinnung auf die wirklichen Werte? Obwohl die Treffsicherheit bezüglich der Prognosen über die Zukunft der Internetgesellschaft wahrscheinlich noch recht dürftig ist, sind hochkarätige Diskussions- und Brainstorming-Events wie das von T-Systems Multimedia Solutions veranstaltete 5. Dresdner Zukunftsforum eine willkommene Gelegenheit, die Analysen der Fachleute aufzunehmen und sich ein informiertes Fundament für den eigenen Blick auf das Thema zu verschaffen.

Wer über die Zukunft des Internets spekuliert, sollte seine Kompetenzen nicht nur auf dem Sektor Web-Technologie haben. Auguren mit diesem Hintergrund haben bereits oft genug märchenhaften Ausblick ins Wolkenkuckucksheim gegeben, und so mancher Pirat sieht offenbar vor lauter Möglichkeitswald die Realitätsbäume nicht mehr. Andererseits ist von Fachleuten ohne intensive Einblicke in die Internet-Technologie mit oft grotesken – meist kulturapokalyptischen – Visio­­­nen zu rechnen. Das Dresdner Zukunftsforum war daher nicht zufällig sehr vielseitig bestückt: Neben internationalen Zugpferden wie dem Soziologen, Wirtschaftswissenschaftler und Trendforscher Jeremy Rifkin sowie dem Philosophen, Unternehmensberater und Pionier in der Analyse des Internet-Marketings David Weinberger nahmen prominente nationale Experten wie Christian Rätsch, der bei der Telekom das Marketing für kleine und mittlere Unternehmen leitet, der Unternehmer, Web-Berater und Social-Media-Experte Ibrahim Evsan oder der allgegenwärtige Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar teil.

Internet als Lösungsstrategie

Was war von der Expertenwucht zu erfahren? Zunächst viel Alt­bekanntes oder neu Eingekleidetes. So sieht zum Beispiel Rifkin das Internet als wesentlichen Bestandteil einer Lösungsstrategie für die ­Sicherung unserer Energieversorgung: Per Web lasse sich (mithilfe von Sensoren und digitaler Analyse) leichter denn je feststellen, wo Energie benötigt wird und wer diese bereitstellen kann. So würden dezentrale Versorgungsstrukturen möglich, die flexibel, schnell und intel­ligent auf aktuelle Bedarfssituationen reagieren oder sogar proaktiv Ressourcen verwalten können. Große Energieunternehmen von heute müssten sich in eine neue Rolle einfinden, die IT-Unternehmen schon in den 1990er-Jahren gefunden haben: weg von der Produktion und hin zu Management und Networking.

Doch wer erkunden will, wie das Internet unsere Wissensgesellschaft nachhaltig verändern könnte, muss tiefergehende Fragen stellen. Weinberger tat dies, indem er der Frage nachging, welche Auswirkungen Hyperlinks auf unsere westliche Wissenskultur haben. Da traditionelle Institutionen des Wissens im Begriff sind, sich zu verändern, bedarf es, so der Fachmann, eines Umdenkens bezüglich der Natur und Rolle von Wissen. Unsere heutige Wissenskultur sei nach wie vor von Buch und Zeitschrift geprägt, also physikalisch getrennten Medien, die es erforderlich machen, Quellenhinweisen in anderen Büchern oder Zeitschriften nachzugehen. Zudem ist das in Schriften enthaltene Wissen abgeschlossen und damit unveränderlich. Der Hyperlink verändert das Wissensmanagement.

Die Möglichkeiten, einfach und schnell an weiterführende Informationen zu gelangen, sind scheinbar unbegrenzt. Das bedeutet aber auch, dass wir nicht mehr wissen, wo wir eigentlich aufhören sollen zu lesen, meinte Weinberger.

Über die Hyperlinks ergibt sich ein vernetztes Wissensnetzwerk, das unabhängig von den traditionellen Institutionen des Wissens entsteht und Raum für unterschiedliche Ansichten und deren Diskussion gibt. Zudem wird das Wissen dadurch niemals starr, abgeschlossen oder unveränderlich sein: Beiträge im World Wide Web werden von anderen Nutzern korrigiert, verbessert und diskutiert. Sowohl die Statements als auch die Diskussionen, die sich um sie entwickeln, sind für alle User zugänglich. Wissensnetzwerke zeichnen sich durch eine „Kultur des Teilens“ aus. Netzwerke ermöglichen es jedem, selbst zu bestimmen, wann, wie oft und wie stark er sich beteiligen möchte. Im Gegensatz zum Verfasser eines Buches können Autoren im Wissensnetz auf ihre Kritiker unmittelbar reagieren oder mit ihnen disputieren.

Das ist ein völlig neues Element unserer Wissenskultur, sozusagen ein permanentes weltweites „Brainstorming“, das im Idealfall zu einem Erkenntnissprung führen kann. Aber wie wahrscheinlich ist dieser Idealfall, der sich auf ein Zusammenwirken von offenen, ehr­lichen und redlichen Teilnehmern stützt? Genau dies thematisierte Ranga Yogeshwar, der die Frage stellte, wie wir unterscheiden können, was „wahr“ ist und was nicht. Wer etwa politisch brisante Stichworte in der englischen und deutschen Wikipedia vergleicht, erlebt nicht selten unterschiedliche Darstellungen, und so mancher Experte gesteht, dass er die Diskussion um einen bestimmten Aspekt einfach erschöpft aufgegeben hat, weil er müde wurde, sich ständig gegen Eiferer durchsetzen zu müssen. Und wer das Problem der „Wahrheit“ vor Augen geführt bekommen möchte, der sehe sich die unüberschaubare Fülle von Verschwörungstheoretikern an, die im Internet mit größtem Erfolg Rattenfängerei betreiben.

Dilemma der Vorurteile

Dieses Dilemma bringt der amerikanische Informatiker und Kulturkritiker David Gelernter auf den Punkt: „Das Internet, wie es heute ist, ist im Grunde genommen eine Maschine zur Verstärkung unserer Vorurteile. Je größer das Angebot an Informationen ist, desto pinge­liger entscheiden wir uns mitunter für genau das, was uns zusagt, und ignorieren alles andere. Das Netz gewährt uns die Befriedigung, nur Meinungen zur Kenntnis zu nehmen, mit denen wir bereits konform gehen, nur Fakten (oder angebliche Fakten), die wir schon kennen.“ Und während so mancher Internet-Kritiker dieses Problem als un­lösbar abhakt, sieht der „Internet-Macher“ Gelernter hier schlicht eine Aufgabe: „Eines der schwierigsten und faszinierendsten Probleme ­unseres digitalen Jahrhunderts ist die Frage, wie wir dem Netz eine ­gewisse ‚Drift‘ geben, sodass unser Blick manchmal in Gegenden ­abschweift, in die wir gar nicht wollten.“

Weinberger verwies in Dresden darauf, dass es beispielsweise auch zwischen Enzyklopädien in verschiedenen Ländern bereits „unterschiedliche Wahrheiten“ gibt. Wissen sei eben nie rein objektiv. Von den Unterschieden wusste man früher vergleichsweise wenig. Durch das Web werde uns das Problem der subjektiven Wahrnehmung von Wissen direkt vor Augen geführt. Der Gewinn sei jedoch hoch: Wir ­bekommen die Möglichkeit, uns darüber auszutauschen und zu dis­kutieren. Schließlich sind wir alle die Treiber der Veränderungen des Internets. Vielleicht ist gerade dies der hoffnungsvollste Aspekt an der Zukunftsvision des World Wide Web.

Dr. Hans-Dieter Radecke


Artikel vom: 2012-10-02 11:48:00
ANZEIGE