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Kampf der "German Angst"

WirtschaftsKurier: Herr Prof. Kempf, E-Government ist ein Jahrhundertprojekt, das aber nur sehr langsam Gestalt ­annimmt. Woran liegt das?

Prof. Dr. Dieter Kempf: Bei ­E-Government stehen wir uns – wie auf vielen Technologiesektoren in Deutschland – selbst im Weg. Wir Deutsche haben die seltsame Angewohnheit, uns vor fiktiven Gefahren wesentlich ­stärker zu fürchten als vor den ­realen. Weil wir uns ängstigen und ewig diskutieren, kommen wir nicht zu Potte. Das zeigt sich bei vielen Technologien, die uns wegen ihres Potenzials zur ­Effizienzsteigerung, Kosteneinsparung und Bürokratieverein­fachung wünschenswert erscheinen: In dem Moment, wo es ­konkret wird, haben wir eine Heidenangst davor.

Können Sie ein Beispiel dafür nennen?

Allein die Aussicht, dass ein Bürger von der Geburt bis zum Ab­leben eine eineindeutige Identifika­tionsnummer haben könnte, macht uns unsägliche Angst. Für die Skandinavier ist das seit Jahrzehnten völlig selbstverständlich und sie verstehen überhaupt nicht, was daran beängstigend sein soll. Dabei wäre eine solche Nummer der Ausgangspunkt für sehr begrüßenswerte Vereinfachungen in den bürokratischen Abläufen. Immerhin gibt es inzwischen einen elektronischen Personalausweis.

Wie beurteilen Sie denn die Situation bei diesem Projekt?

Das ist ein typisch deutsches Henne-und-Ei-Problem. Anwendungsentwickler wie wir sind davon ausgegangen, dass Ende des Jahres 20 Mio. digitale Ausweise auf dem Markt sind, von denen vielleicht 18 Mio. mit der eID-Online-Ausweisfunktion ausgerüstet sind. Diese wäre hervorragend dafür geeignet, elektronische Abläufe, wie zum Beispiel Online-Käufe, sicherer zu machen. Doch davor haben viele Antragsteller offenbar riesige Angst, nach dem Motto: Wer weiß, was sich hinter einer eID so alles versteckt. Es muss nur irgendeiner auf eine ­abstrakte Gefahr hinweisen – und schon steht alles wieder still.

Was heißt das nun?

Fakt ist, dass Ende des Jahres wohl weniger als 5 Mio. Bürger diese Funktion aktiviert haben. Und da fragt man sich, ob es sich lohnt, für diese geringe Zahl, die ja auch nur eine Größe für die Anzahl möglicher Nutzer ist, ­Anwendungen zu entwickeln.

Wie wirkt sich das konkret bei der Datev aus?

Wir haben eine elektronische Lohn- und Gehaltsakte entwickelt, auf die der Mitarbeiter mittels des elektronischen Personalausweises von überall zugreifen könnte. Ja, was machen wir jetzt? Wir könnten längst mit dieser ­Lösung an den Markt gehen, wir haben sie Datev-intern mit über 700 Mitarbeitern pilotiert: Sie funktioniert. Doch jetzt haben wir ein Vermarktungsproblem. Nehmen wir mal einen mittelstän­dischen Handwerksbetrieb mit 16 Mitarbeitern. Davon haben vielleicht drei einen digitalen Ausweis, wobei nur einer die eID-Funktion aktiviert hat. Da ist wieder das Henne-Ei-Problem: Wenn es nicht gelingt, flächendeckende Basisinfrastrukturen aufzubauen, wird es keine darauf aufbauenden Nutzanwendungen geben.

Wer ist verantwortlich für dieses Patt?

Im Moment sind wir in einer Phase, wo wir aufpassen müssen, dass wir uns nicht die Schuld gegenseitig zuweisen: die Politik, die Exekutive, die Legislative und die Unternehmen. Aber kann ich wirklich in den Roll-out für den Mittelstand gehen, wenn ich fürchten muss, dass mich jeder Betrieb damit abblitzen lässt?

Was müsste getan werden?

Mein dringender Rat wäre, dass sich alle Kräfte in der Politik und der Wirtschaft zusammenschließen und gemeinsam eine Vermarktungsstrategie für die Digitalisierung des neuen Personal­ausweises entwickeln. In letzter Konsequenz muss man da auch Geld in die Hand nehmen. Der Bundestag hat die Mittel seinerzeit aus Gründen von Budget­einsparungen gestrichen.

Aber das war nicht sinnvoll?

Jeder Schreiner an der Ecke weiß, dass er für seine Dienstleistung Werbung machen muss. Sicherlich gab es gute Gründe für die Sparmaßnahmen. Nur braucht man sich nun nicht über das ­Ergebnis zu wundern. Wenn wir uns jetzt keinen Ruck geben, wenn wir nicht schnell schauen, dass Inhaber des neuen Perso­nalausweises die eID-Funktion ak­tivieren und die neuen Be­steller sich gleich für die Zusatz­möglichkeiten entscheiden, dann wird sich die Einführung von neuen Anwendungen bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag ver­zögern. Dann wird der eine oder andere potenzielle Anwendungshersteller vielleicht sogar ganz abspringen. Und dann wird ganz schnell die Situation eintreten, dass diejenigen mit einem Per­sonalausweis mit aktivierter eID-Funktion ihr Passwort schon längst wieder vergessen haben.

Sehen Sie da eigentlich Parallelen zu dem Projekt Elena, das erst mit großem Tamtam gestartet und dann abrupt ­gestoppt wurde?

Leider. Anstatt die Lösung für den elektronischen Entgeltnachweis zu verbessern, haben wir sie seinerzeit einfach abgewickelt und Milliardeninvestitionen in den Sand gesetzt. Dabei wissen wir, dass künftig die Erhebung dieser Daten auf dem Papierweg nicht mehr funktionieren wird. Der Treppenwitz bei Elena ist ja, dass es erdacht wurde, weil das bis­herige papiergebundene Verfahren Datenschutzlücken hat. Jetzt haben wir das elektronische ­Verfahren wegen Datenschutzproblemen abgeschafft.

Ist der Nachfolger von Elena, die Bea, besser?

Die Bea löst vor allem die Probleme der Arbeitsagenturen. Damit hat man sich von dem umfas­senden Ansatz der Elena verabschiedet. Bea ist eine Lösung für die Datenübertragung für die Zwecke der Bundesagentur. Damit vermeidet sie einige Probleme der Elena, darunter auch die viel kritisierte Datensammlung an einem Ort. Bei Bea gibt der Antragsteller für Arbeitslosengeld selbst seine Daten frei. Damit wird Bea deutlich größere Chancen auf eine Realisierung haben. Das hätte man aber bei Elena durch ein schlaues Indexierungsverfahren auch lösen können.

Datev ist Partner bei einer weiteren digitalen Umwälzung, dem E-Postbrief. Warum ist das Projekt für Sie strategisch wichtig?

Wir bekommen heute monatlich rund 5 Mio. digitale Belege von Mandanten der Steuerberater. Sie gehen dort in Papierform ein, werden digitalisiert an uns gesendet und dann verarbeitet. Wenn der Versender die Unterlagen nun per E-Postbrief an uns verschickt, bleibt die digitale Form erhalten und der Beleg kann digital als echtes Dokument auch weitergereicht werden. Wenn der Emp­fänger nun keinen E-Postbrief-Account hat, wird das Ganze eben wieder in Papierform gebracht und sicher per Post verschickt.

Nach der Post hat nun die Telekom ein weiteres Verfahren für die digitale Kommunikation, die De-Mail, auf den Markt gebracht. Werden Sie dafür ebenfalls eine Lizenz beantragen?

Wir befinden uns mit dem ­E-Postbrief noch in einem Anfangsstadium. Wir werden uns daher voll auf unseren Kooperationspartner, die Post, und diese Lösung konzentrieren und wollen jetzt ­keine weiteren Projekte starten. Sollten aber irgendwann signi­fikante Volumina über einen anderen Lösungsweg, zum Beispiel die De-Mail, generiert werden, dann schließt das nicht aus, dass wir auch das prüfen werden. Jetzt steht aber erst ­einmal im Vordergrund, gemein­sam die Stückzahlen beim ­E-Postbrief zu erhöhen.

Ist die zögerliche Umsetzung bei digitalen Projekten ein Standortnachteil für Deutschland?

So weit ist es noch nicht. Wenn wir aber den Anschluss an junge, hungrige Staaten nicht verlieren wollen, dann müssen wir unser Verhalten überdenken. Es mangelt in Deutschland nicht an der Intelligenz für Ideen, sondern wir stehen uns selbst im Weg, weil für jede Idee fünf Hindernisse konstruiert werden.

Beim Thema Cloud Computing ist es ähnlich. Warum gibt es so viele Vorbehalte im Mittelstand?

Wir bei Datev haben eine günstigere Ausgangssituation als andere Cloud-Anbieter. Wir sind ein seit vielen Jahren etablierter, bekannter und gut beleumundeter Rechenzentrumsanbieter. Gerade mittelständische Unternehmen stehen Cloud-Lösungen zurückhaltender gegenüber, weil sie sich fragen: Was passiert mit meinen Daten? Wo und in wessen Obhut liegen sie? Uns kennt und vertraut man im Mittelstand aber aus eigener Erfahrung seit Langem. Deshalb gibt es weniger Scheu, uns Daten auch für eine Cloud-Anwendung zu überlassen. Es gibt also eine Reihe von Gründen für die Zurückhaltung des Mit­telstands beim Thema Cloud, die uns aber nicht in voller Schärfe treffen.

Welche Gründe meinen Sie?

Vor allem Datensicherheit und Datenschutz. Ich würde jedem Mittelständler empfehlen, ein ­detailliertes Service-Level-Agreement zu schließen, das diese Themen genau regelt. Hier kann es hilfreich sein, einen Dienstleister zu wählen, der dafür eine Zertifizierung vorweisen kann. Weniger wichtig ist dabei in meinen Augen, ob der Cloud-Anbieter aus Deutschland kommt oder nicht. Für die meisten Unternehmen sehe ich da nur eine fiktive Gefahr des Ausspähens der Daten.

Das führt uns zum Thema Cyberkriminalität. Wie groß ist die Bedrohung wirklich und wie können sich Firmen schützen?

Der weitaus größte Teil der Cybercrime-Fälle ist schlicht organisierte Kriminalität. Es ist zudem eine relativ bequeme Art von Kriminalität: Im klimatisierten Raum abseits der Öffentlichkeit lässt es sich gut arbeiten, ohne die unangenehmen Begleiterscheinungen und Gefahren, denen man bei anderen Kriminalitätsformen, die im großen Stil ausgeübt werden, ausgesetzt ist. Das setzt aber auch ein Fragezeichen hinter die vermutlich staatlich gelenkten Datenattacken wie das Lahmlegen iranischer Atomanlagen, das von Teilen der Politik und der Öffentlichkeit so po­sitiv wahrgenommen wurde. Man muss sich darüber im Klaren sein, dass ein derartiger Wirkmechanismus nicht nur Zentrifugen von Atomanlagen treffen kann. Es könnte genauso gut die Energieversorgung und ganz allgemein die kritischen Infrastrukturen unserer Zivilisation treffen. Aus meiner Sicht müssten Cybercrime-Werkzeuge genauso ge­ächtet werden wie bestimmte Kriegswaffen.

Kann man denn Cyberattacken überhaupt wirksam abwehren?

Ja, aber die Abwehr ist deutlich investitionsintensiver als der Angriff. Und für die Abwehr besteht immer das Problem, dass ein Großteil der Abwehrkraft in präventive Maßnahmen investiert werden muss. Die Reaktionsmaßnahmen auf einen Angriff lassen sich selten planen, weil man ja nie wissen kann, wann der Fall der Fälle eintritt. Das macht das Spiel ungleichgewichtig. Der ­Angreifer ist immer einen Tick im Vorteil, er wählt die Waffe, den Angriffszeitpunkt und den Angriffsort im virtuellen Raum.

Die Entwicklungsabteilungen der Datev werden in einem neuen Campus konzentriert. Warum?

Zunächst ist es sehr ungünstig, wenn die Entwickler an vier oder fünf Standorten in einer Stadt ­sitzen. Wir wollen sie daher an ­einem einzigen Ort in Nürnberg zusammenführen. Außerdem sind Bürowelten mit Drei- oder Vier-Personen-Büros nicht mehr zeitgemäß. Die Arbeitsform der Zukunft besteht aus wechselnden Projektgruppen, die an einem Thema arbeiten, wobei sich die Themen durch eine immer hö­here Komplexität auszeichnen. Gefordert ist also ein räumliches Umfeld, in dem Projektgruppen leichter zusammenkommen, wo sich Mitarbeiter aus unterschiedlichen Projekten aber auch einmal zwanglos miteinander austauschen können.

Wie sieht die Lösung für diese Problemstellung aus?

Wir brauchen zukunftsgerichtete Büroumgebungen, die fallweise sowohl das konzentrierte Ar­bei­ten allein als auch die Gruppenar-beit ermöglichen – also ­weder das Großraumbüro der 1960er- noch das Einzelbüro der 1980er-Jahre. Wir planen Kommunikations­inseln, aber auch Ruheinseln, um angesichts des Kommunikationstempos der digitalen Welt die Möglichkeit des räumlichen „Abschaltens“ zu geben. Das Ganze soll überdies architektonisch ­ansprechend und energieeffizient sein – und es muss bezahlbar bleiben. Diese Aufgabenstellung hat zu sehr ansprechenden ­Lösungen für unseren Campus geführt.

Wie sehen die Mitarbeiter das Projekt?

Wir haben auf zwei Etagen eines angemieteten Gebäudes eine ­Pilotversion des künftigen Arbeitsumfelds eingerichtet. Ein kompletter Entwicklungsbereich mit 100 Mitarbeitern ist dorthin bereits umgezogen. Dadurch können wir unsere Ideen in der Praxis testen, und es hat sich schon gezeigt, dass durch das Einbringen der Ideen der unmittelbar Betroffenen die Lösungen weiter verbessert werden. Mit­arbeiter, die noch in den alten Büros arbeiten, bekommen einmal in der Woche für eine bestimmte Zeit Gelegenheit, sich die neue Umgebung anzusehen und eigene Ideen zu entwickeln. Auch hier treffen wir manchmal auf fiktive Ängste, aber die realen Erfahrungen bestätigen unser Konzept.

Das Interview führte
Elwine Happ-Frank,
Chefredakteurin des
WirtschaftsKuriers


Artikel vom: 2012-09-27 11:39:00
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