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Digitale Bürger

WirtschaftsKurier: Herr Löffler, Microsoft hat im Frühjahr das Konzept der digitalen Stadt vorgestellt. Die „Neustadt“ steht dabei für die Vision einer vernetzten Stadt, in der alle Verwaltungsprozesse digita­li­siert und über die Cloud ­abgewickelt werden. Warum konzentrieren Sie sich als IT-Unternehmen so intensiv auf das Thema Verwaltung?

Severin Löffler: Die digitale Stadt, die Teil unserer Initiative „Chancenrepublik Deutschland“ ist, beschränkt sich nicht auf die öffentliche Verwaltung, die nur eines von vielen Anwendungsgebieten der Digitalisierung ist. Ein Merkmal von „Neustadt“ ist die Schaffung einer Infrastruktur, mit der sich die Daten, die in den einzelnen Ämtern anfallen, zusammenführen lassen. Sie werden im di­gitalen Rathaus zusammengefasst und können von dort von Behörden und Bürgern abgerufen werden. Darüber hinaus haben wir auf Basis der modernen Digitalisierungstechnologien verschiedene Szenarien aufgebaut, etwa den Bildungsbereich, einen Gewerbepark oder das Gesundheitswesen.

Wie sieht das zum Beispiel beim Gesundheitswesen im Detail aus?

Im Krankenhaus von „Neustadt“ werden die Patientendaten digital gespeichert, und der Patient kann an seinem Bett von einem Terminal aus auf seine Krankenakte zugreifen. Er hat Einblick in Untersuchungsergebnisse wie Blutwerte oder das EKG und sieht, wann die nächste Untersuchung geplant ist. Der behandelnde Arzt kann die Daten ebenfalls aufrufen und beispielsweise weitere Röntgenbilder hinzuziehen.

Wie kann die öffentliche Verwaltung in der digitalen Stadt verbessert werden?

Die digitale Stadt erlaubt eine Vielzahl von Szenarien im öffentlichen Leben. Als Beispiel seien nur Anwendungen genannt, mit denen sich Unternehmen und Verwaltung schnell miteinander vernetzen können, etwa um Gewerbe-An-, -Um- und -Abmeldungen oder einfach nur den Austausch von Daten zu beschleunigen.

Haben die Kommunen denn in Zeiten knapper Kassen genügend Geld, um die neue Technologie einzuführen?

IT-Berater beobachten, dass sich die Gemeinden gerade dann, wenn die Gelder knapp sind, nach der Cloud-basierten Digitalisierung erkundigen, weil sie inzwischen wissen, dass die Cloud viel effizienter und sehr viel ­kostengünstiger ist. Gemeinden müssen nicht mehr eigene IT-­Kapazitäten vorhalten, sondern ­können sie bedarfsgerecht anmieten, haben immer die neueste Technik, und zudem ist das Ganze flexibel skalierbar.

Die digitale Stadt gäbe es also ohne das Konzept der Cloud überhaupt nicht?

Die Cloud-Technologie ist das Fundament für die digitale Stadt. Alle Elemente des Konzepts be­ruhen darauf, dass die Datenbasis in einem Rechenzentrum liegt, von dem die Informationen abgerufen werden können. Zum Beispiel: Bei einem großen Unglück, etwa einem Flugzeugabsturz oder einer Umweltkatastrophe, muss die Verwaltung sehr schnell reagieren und die Bürger informieren. Dafür gibt es beispielsweise in Baden-Württemberg eine Katastrophen-Website. Im Fall eines schrecklichen Ereignisses greifen plötzlich unzählige Menschen darauf zu. Jahrelang tut sich also auf dieser Website nichts, plötzlich wird sie von Hunderttausenden aufgerufen. Das heißt, der Bedarf an Serverkapazität muss innerhalb von Minuten von 0 % auf 100 % hochgefahren werden. Müsste ein Land oder eine Stadt hierfür eine Serverinfrastruktur vorhalten, wäre das sehr teuer. Die ideale Lösung dafür ist die Cloud. Über unsere Infrastruktur kann das Bundesland bei Bedarf diese Kapazität jederzeit abrufen.

Das Thema Cloud liegt ja nicht nur bei der öffentlichen Hand im Trend, sondern auch im Mittelstand. Wo sehen Sie die Vorteile dieser Technologie für mittelständische Firmen?

Ein besonders wichtiger Cloud-Treiber ist die Globalisierung. Selbst kleinste Unternehmen agieren heute schon global. Ein Freund von mir hat ein kleines Unternehmen mit fünf Angestellten, das international tätig ist. Er sitzt manchmal in Singapur und muss von dort aus auf die Unternehmensdaten zugreifen. Derzeit würde es für ihn wirtschaftlich keinen Sinn machen, sich dafür eine Serverinfrastruktur anzuschaffen. Mit der Cloud ist das Ganze dagegen völlig problemlos. Sie stellt auch der kleinsten Firma die jeweils modernste Technologie bereit und das Unternehmen muss sich nicht um die IT kümmern, die ja meist auch nicht gerade zur Kernkompetenz eines kleinen Unternehmens gehört.

Welche weiteren Pluspunkte hat die Cloud?

Ein anderes Beispiel: Warum sollte ein Unternehmen das ganze Jahr eine IT-Infrastruktur mit durchschnittlich 30%iger Auslastung vorhalten, nur weil sie beim Jahresabschluss zu 100 % ausgelastet ist? Es ergibt betriebswirtschaftlich mehr Sinn, genau für diesen Zweck zusätzliche Ressourcen für den einen Monat hinzuzumieten. Diese Flexibilität hat ganz erhebliche Vorteile.

Wie entwickelt sich denn die Akzeptanz der Cloud im deutschen Mittelstand?

Sehr positiv. Laut einer aktuellen Studie sind 75 % der Entscheider im Mittelstand der Cloud gegenüber positiv eingestellt, eine Zunahme von 5 % im Vergleich zum vergangenen Jahr. Was aber viel wichtiger ist: Auf die Frage „Nutzen Sie die Cloud schon oder planen Sie, dies demnächst zu tun?“ haben 40 % mit Ja geantwortet. Das ist ein deutlicher Sprung, im letzten Jahr waren es nur 27 %.

Haupthindernis für die Einführung der Cloud sind ja nach wie vor Sicherheitsbedenken. Viele Mittelständler möchten genau wissen, wo ihre Daten liegen. Wie handhabt Microsoft dieses Thema?

Sicherheitsbedenken und die Frage nach dem Standort der Daten sind zwei unterschiedliche Themen, die wir mit unseren Kunden diskutieren. Denn das Wissen über den Standort bedeutet nicht unbedingt das Ausräumen von Sicherheitsbedenken. Daher möch­te ich gern beide Themen getrennt beantworten. Zum Stand­ort der Daten: Microsoft betreibt in der EU Rechenzentren in Dublin und Amsterdam. Insofern räumen wir damit die Bedenken der Kunden gegen eine Art unkontrollierten Daten­transfer in andere Regionen der Welt aus. Und wir erfüllen die rechtlichen Voraussetzungen im Datenschutz, wenn wir für diese Kunden die Datenverarbeitung via Cloud übernehmen.

Was ist der zweite Aspekt?

Das andere Thema ist etwas emotionaler. Man trifft immer wieder auf Unternehmen, die der Meinung sind, dass die Daten deshalb sicherer sind, weil die IT im eigenen Unternehmen steht. Das ist ein Trugschluss. Für Microsoft ist Datensicherheit Kerngeschäft. Wir machen IT, nichts anderes. Die meisten mittelständischen Unternehmen hingegen betreiben IT mehr oder weniger nebenbei, die Kernkompetenz ist vielleicht der Maschinenbau oder die Her­stellung von Medikamenten. Die Mechanismen, die uns daher zur ­Absicherung vor unberechtigtem ­Zugriff oder ungeplanten System­ausfällen bis hin zu Erdbeben oder anderen Katastrophen zur Verfügung stehen, sind nicht zu vergleichen mit dem, was unseren mittelständischen Kunden zur Verfügung steht. Und für uns ist dabei von größter Bedeutung, dass unsere Prozesse auch von unabhängigen Experten untersucht und dann zertifiziert werden. Insofern haben wir die Erfahrung gemacht, dass die Kunden sehr schnell von den Vorteilen des Cloud Computing überzeugt sind, wenn wir im Gespräch die Fak-ten der IT-Infrastruktur des mittelständischen Unternehmens mit den Fakten des Cloud Computing und unseren Möglich­keiten miteinander vergleichen.

Gibt es auch bei Microsoft lokale Cloud-Dienste?

Der Aspekt der Regionalität spielt in manchen Fällen – etwa bei der öffentlichen Verwaltung – eine Rolle. Wir bieten über unsere Partnerunternehmen genau solche Lösungen an. Diese stellen auf Wunsch des Kunden beispielsweise Infrastrukturen bereit, die für sensible Daten keinen Zugang nach außen haben und im eigenen Rechenzentrum vorgehalten werden – hier sprechen wir dann von einer Private Cloud. Für weniger sensible Daten kann eine öffentliche Cloud-Lösung genutzt werden. Auch eine Kombination einer privaten und einer öffentlichen Cloud ist möglich. Genau diese Flexibilität kommt bei den Kunden sehr gut an.

Der Mittelstand steht vor einer ganzen Reihe von neuen Herausforderungen: Eurokrise, Umweltgesetzgebungen und
so weiter. Aus Ihrer Perspektive betrachtet: Welche Ratschläge würden Sie den Mittelständlern geben, wie die IT ihnen bei der Bewältigung helfen kann?

Ich würde vor allem raten, sich der Cloud positiv zu öffnen. Sie hat enormes Potenzial. Ein Unternehmen kann damit billiger einkaufen, sehr viel effizienter wirtschaften, weil die Abläufe sehr viel schneller und einfacher sind. ­Gerade mittelständische Firmen können durch die Cloud auf Augenhöhe mit den großen Playern im internationalen Geschäft agieren, ohne die entsprechend leistungsfähigen Infrastrukturen im eigenen Haus vorhalten zu müssen. Mit der Cloud kann sich der Mittelständler den für ihn passenden Teil einer riesengroßen In­frastruktur quasi „herausmieten“.

Die IT wird immer mehr zum Treiber gesellschaftlich relevanter Projekte. Gibt es etwas, das Sie diesbezüglich von der Politik erwarten?

Ich hätte zwei Wünsche. Zunächst: Wir sollten in diesem Zusammenhang insgesamt mehr die Potenziale und nicht immer sofort die Risiken sehen. In Deutschland sind wir sehr schnell mit bremsenden Bedenken zur Hand: „Ja, da gibt es etwas interessantes Neues, ABER ...“ Stattdessen könnten wir doch sagen: „Das Neue eröffnet große Möglichkeiten. Wie könnten wir die nutzen? Wie könnte es uns voranbringen?“ Erst im zweiten Schritt, der natürlich durchaus wichtig ist, sollten wir uns dann fragen: „Wie sind Risiken abzufedern?“ Wir sollten nicht immer zuerst das Risiko, sondern zuerst einmal die Chance betrachten.

Und der zweite Wunsch?

Wir müssen internationaler denken. Wir regeln Sachverhalte gern schnell mit nationalen Gesetzen. Beispiel: der Datenschutz, der in jedem europäischen Land unterschiedlich gehandhabt wird, ­obwohl wir eigentlich eine einheitliche Basis haben sollten. In Deutschland haben wir wie­derum 16 verschiedene Datenschutzbehörden, die sich zwar untereinander abstimmen, aber eigenständig entscheiden können. Daher mein dringender Wunsch an die Politik, dies zu vereinheitlichen.

Wo sehen Sie die Rolle der IT-Unternehmen innerhalb der gesellschaftlichen Diskussion zu den modernen Technologien? Sieht sich Microsoft als reiner Technologielieferant oder als Teilnehmer und Gestalter?

Wir wollen aktiver Mitgestalter sein. Wenn Sie bedenken, wie viele Lebensbereiche inzwischen digitalisiert oder im Netz ab­gewickelt werden – soziale Netzwerke, Shopping im Internet, E-Mail-Services und so weiter –, dann ist leicht einzusehen, welchen Einfluss die IT auf unser Leben hat. Und wir als IT-Unternehmen möchten das natürlich mitgestalten.

Und wie wollen Sie das machen?

Wir tun dies, indem wir die Bedürfnisse der Menschen aufnehmen und in den Mittelpunkt ­stellen, nicht die IT um der IT willen. Wir entwickeln nicht nur Lösungen, die die Möglichkeiten für Unternehmen und Gesellschaft ausweiten, sondern sorgen auch dafür, dass diese Lösungen immer benutzerfreund­licher, flexibler und geräteunabhän­giger werden, sodass die Menschen sie ohne Vorkenntnisse nutzen können.

Microsoft ist ja heute fast so etwas wie ein Synonym für Software. Wie sehen Sie die Zukunft der Marktstellung von Microsoft?

Ich denke, wichtige Stärken sind, dass wir mit unseren Lösungen den geschäftlichen und den privaten Lebensbereich abdecken und dass wir ein sehr innovatives Unternehmen sind. Ein weiterer Pluspunkt ist, dass wir bei den Kunden Vertrauen genießen. Ohne Vertrauen nutzt niemand die virtuelle IT-Welt. Unsere Corporate Technical Responsibility schreibt fest, dass wir als Unternehmen nicht nur Produkte verkaufen wollen, sondern dies auch verantwortungsvoll tun – dass wir also bei den Themen Vertraulichkeit, Sicherheit, Transparenz oder Portabilität der Daten die Bedürfnisse der Menschen in den Mittelpunkt stellen.

Das Interview führten
WIKU-Chefredakteurin
Elwine Happ-Frank und
WIKU-Mitarbeiter
Dr. Hans-Dieter Radecke


Artikel vom: 2012-07-27 11:45:00
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