Trends - Hintergründe - Innovationen
Home Kontakt Sitemap 

Aktuelle Printausgabe

Abo WirtschaftsKurier
inkl. 7% MwSt.
Zusendung per Post

Abonnement
27,50 Euro
Studenten-Abo*
20,62 Euro
Mehrfachlieferungen** ab 5 Stück
20,62 Euro

*Bitte gültige Immatrikulations-
bescheinigung an den Verlag senden

** Vorzugspreis kann nur gewährt werden, wenn ein identischer Besteller, Empfänger und Zahler die jeweilige Menge abnimmt


Abonnement Ausland – Jahrespreis
ohne MwSt.
Zusendung per Post

Abonnement
38,40 Euro


Weimer Media Group
Maximilianstraße 13
80539 München

Tel: 08022-7044443
E-Mail: Abo-Bestellung


Das Abonnement verlängert sich automatisch um jeweils ein Bezugsjahr, wenn nicht zwei Monate vor Ablauf gekündigt wird.
Widerrufsgarantie: Sie können die Bestellung innerhalb von zehn Tagen ohne Angabe von Gründen schriftlich bei der Weimer Media Group, Maximilianstraße 13, 80539 München, widerrufen. Zur Fristwahrung genügt die rechtzeitige Absendung (Poststempel).

Kampf um den Nachschub

Sommer 1857. In einem selbst für damalige Verhältnisse spartanisch eingerichteten „Hotel“ des Walfängerstädtchens Lahaina auf der malerischen Hawaii-Insel Maui trifft sich eine Gesellschaft von Experten, die zwei Tage lang über die Perspektiven eines besonders wertvollen Rohstoffs diskutiert: Walöl.

Von der Nachfrageseite her machen sich die Fachleute noch wenig Sorgen: Walöl ist in vielen Städten immer noch der wichtigste Grundstoff für die künstliche Beleuchtung, und auch bei der Herstellung von Kerzen, Seifen, Salben, Farben, Gelatine, Speisefetten, Reinigungs- sowie Schuh- und Lederpflegemitteln ist der tierische Rohstoff sehr begehrt.

Vielmehr die Angebotsseite sorgt für Diskussionsstoff: Den riesigen Meeressäugern ist die Angewohnheit, eine verglichen mit der Abschlachtgeschwindigkeit recht langsame Reproduktionsrate an den Tag zu legen, einfach nicht auszutreiben. Die traditionellen Walfanggebiete sind fatal überfischt, und die Fangflotten müssen immer weiter in die südlichen Meeresregionen bis nahe an die Antarktis verlegt werden.

Das Ergebnis des zweitägigen Gedankenaustauschs ist an Uneindeutigkeit nur mit heutigen Euro-Gipfeln zu vergleichen: Man verspricht bessere Koordination und Zusammenarbeit, schiebt anderen – der Wirtschaftslage, den zu vorsichtigen Verbrauchern – die Schuld am mangelnden Wachstum zu und erklärt, das Schlimmste sei vorbei und die Erschließung neuer Fanggebiete werde für Besserung sorgen.

Doch die Geschichte meint es nicht gut mit dem Rohstoff Walöl. Die Walfangexperten sind noch auf der Rückreise, da beginnt am 24. August des Jahres 1857 mit dem Zusammenbruch der Ohio Life Insurance Company die erste Weltwirtschaftskrise, was die Nachfrage abrupt einbrechen lässt. Und als sich nach dieser dunklen Phase die Konjunktur gerade wieder erholt, stößt am 27. August 1859 ein pensionierter Eisenbahner namens Edwin Drake bei Titusville in Pennsylvania auf ein riesiges Erdölfeld. Die Nachfrage nach Walöl sinkt auf ein dünnes Rinnsal, und die Großstädte der Welt leuchten von nun an mithilfe von Petroleum.

Neue Vorteile – neue Risiken

Das Schicksal des Walölmarkts zeigt die Faktoren auf, die die Risiken der Rohstoffzyklen seit Jahrhunderten bestimmen. Die gegenseitige Abhängigkeit der Märkte im Zeitalter der Globalisierung hat die Verfügbarkeit mancher Rohstoffe verbessert, aber gleichzeitig die Empfindlichkeit gegenüber politischen Entscheidungen und regionalen wirtschaftlichen Entwicklungen vergrößert. Der Erschöpfung von Ressourcen wird mit der Erschließung neuer Vorkommen und der Nutzung alternativer Stoffe begegnet. Und Nachfrageverschiebungen von Verbraucherseite können auch heute zu plötzlichen Einbrüchen bei Rohstoffpreisen führen.

Besonders stark sind rohstoffarme Länder wie Deutschland den internationalen Unwägbarkeiten ausgesetzt. Ob Walöl oder Seltene Erden: Deutschland ist Rohstoffimporteur – und war es schon immer, wie Katharina Mohr, Expertin für Ressourceneffizienz beim DIHK, betont: „Für uns ist das Thema Rohstoffsicherung alt und neu zugleich. Deutschland ist reich an Steinen und Erden oder auch an Salzen – wertvolle Metalle mussten aber schon immer zu fast 100 % eingeführt werden. Heute bestimmen internationale Verflechtungen und steigende Komplexität die Märkte, was die Unternehmen bei der Rohstoffsicherung vor immer größere Herausforderungen stellt.“

Deutsche Unternehmen verarbeiten pro Jahr Rohstoffe im Wert von rund 140 Mrd. Euro, die zu großen Teilen importiert werden. Zwölf deutsche Großunternehmen – Aurubis, BASF, Bayer, BMW, Chemetall, Daimler, Evonik Industries, Georgs­marienhütte Holding, Bosch, Stahl-Holding-Saar, ThyssenKrupp und Wacker Chemie – haben daher jüngst die „Allianz zur Rohstoffsicherung“ gegründet. Der Zusammenschluss „wird Rohstoffprojekte in einer frühen Phase aufgreifen und die Explorationen durchführen, also die Vorkommen erkunden und bewerten, um so Bezugs- und Beteiligungsoptionen für deutsche Unternehmen zu schaffen“, so der ­Vizepräsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI), ­Ulrich Grillo. Zwar steht die Allianz weiteren Partnern offen, jedoch dürfte sich die Nachfrage beim Mittelstand angesichts des erforder­lichen Finanzvolumens in Grenzen halten.

Während Konzerne eigene weltweite Lieferungs- und Finanzierungsinstrumente nutzen können, sind kleine und mittlere Unternehmen mit ihren schlanken Strukturen und hohen Flexibilitätsanforderungen empfindlich gegenüber den Volatilitäten der Rohstoffmärkte. Da die Materialkosten im produzierenden Gewerbe mit rund 43 % inzwischen doppelt so hoch liegen wie die Personalkosten (20,5 %), hat dies schnell dramatische Konsequenzen.

Ein ähnliches Bild vermittelt die Studie „Rohstoffe und Energie: Risiken umkämpfter Ressourcen“ der Commerzbank. Demnach sehen viele Mittelständler durch Ressourcenknappheit klare Risiken für den Standort Deutschland und für den eigenen Betrieb: „Knapp die Hälfte der mittelständischen Unternehmen fürchtet, dass der global steigende Ressourcenbedarf zu Abstrichen in der wirtschaftlichen Gesamtleistung oder sogar zu Schwierigkeiten für den Standort Deutschland führen wird.“ Im Mittelpunkt der Besorgnis stehen bei über 80 % der Befragten vor allem schwer zu kalkulierende globale Faktoren wie Finanzspekulation an den Rohstoffmärkten, globales Wachstum und instabile politische Verhältnisse in den rohstoffreichen Lieferländern.

Bei zwei Dritteln der befragten Mittelständler wirken sich steigende Rohstoffpreise derzeit schon negativ auf die Geschäfte aus. Jedes zweite Unternehmen klagt zudem über schwer kalkulierbare Preise. Weiter heißt es in der Commerzbank-Studie: „Kurzfristige, durch Lieferengpässe bedingte Knappheit ist schon heute ein Problem für den Mittelstand, obwohl die Rohstoffvorräte noch nicht erschöpft sind“.

Da sich an dieser Situation nach Meinung der Rohstoffexperten mittelfristig nicht viel ändern wird, erhebt sich die Frage, wie der Mittelstand hierauf reagieren kann. Fast die Hälfte der Mittelständler scheint noch ratlos zu sein: Auf die Frage „Wie fühlen Sie sich gerüstet, um Probleme bei der Energie- und Rohstoffversorgung meistern zu können?“ antworteten in der Commerzbank-Studie 40 % der Unternehmen mit „Kann ich nicht beurteilen“ und 5 % sogar mit „Eher schlecht gerüstet“.

Firmen sehen sich selbst in der Bringschuld

Zwar fordern viele Mittelständler flankierende Maßnahmen der Politik, aber dennoch sehen sich die Unternehmen überwiegend selbst in der Pflicht und reagieren mit einer ganzen Reihe von Maßnahmen, um ihre Rohstoffversorgung zu sichern. Dazu gehört der kritische Blick auf das eigene Ressourcenmanagement mit dem Ziel, einen Überblick über die erforderlichen Rohstoffe, ihre strategische Bedeutung und das Ausfallrisiko zu bekommen. Viele Betriebe suchen nach neuen Lieferanten und Rohstoffquellen oder streben langfristige Lieferbeziehungen an. Auch die Steigerung der Nutzungseffizienz, der Wechsel zu alternativen Rohstoffen, die Steigerung der Recyclingquote und die Investition in Innovationen zur Senkung des Ressourcenbedarfs  werden in den Studien häufig genannt. Wichtig sind schließlich auch Maßnahmen zur finanziellen Absicherung der Risiken auf den Märkten.

Damit schöpfen die mittelständischen Unternehmen die Bandbreite der empfohlenen Maßnahmen im Wesentlichen aus – wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß. Die Deutsche Rohstoffagentur (DERA) hält einen ganzen Katalog von Empfehlungen bereit, die Unternehmen zur Rohstoffsicherung nutzen können. Zu den wenig aufwendigen Optionen gehören eine Verbesserung der Lieferungsbedingungen und eine Begrenzung der Folgen von Preisänderungen.

Durch „Hedging“, also die Absicherung eines Finanzgeschäfts gegen Risiken durch eine weitere Transaktion, können beispielsweise Preise für einen bestimmten Zeitraum stabilisiert werden. Daneben gibt es die Möglichkeit, durch die Bildung von Käufergemeinschaften und die Diversifizierung des Lieferantenstamms die Marktposition beim Einkauf zu verbessern und Lieferverträge möglichst langfristig zu gestalten. Nicht zuletzt kann eine kluge Lagerstrategie Verluste durch kurzfristige Preisschwankungen verringern: Durch die Bildung von Konsignationslagern, also Lager in der Nähe oder am Standort des Kunden, richtet sich der Zeitpunkt der Bezahlung nach dem Zeitpunkt der Warenübernahme aus dem Lager.

Um die Ressourcenversorgung langfristig zu sichern, sind jedoch aufwendigere Strategien nötig. Dazu zählen in erster Linie die Erhöhung der Effizienz bei der Rohstoffverarbeitung, die Verwendung alternativer Rohstoffe („Substitu­tion“, etwa leichtere, preisgünstige Kunststoffe statt Metalle) sowie eine Optimierung des Recyclings. Alle Umfragen zeigen, dass die innovationsfreudige mittelständische Wirtschaft die Bedeutung dieser durch die „Ressource Köpfchen“ ermöglichten Konzepte erkannt hat und in zunehmendem Maß umsetzt. So lautet ein Ergebnis des DIHK-Unternehmensbarometers: „Als Antwort auf die Herausforderungen setzen viele Unternehmen auf Effizienzmaßnahmen: Über die Hälfte der Unternehmen kümmert sich um einen effizienteren Einsatz von Rohstoffen.“ Fast ein Drittel der Befragten hat zudem Wege gefunden, Rohstoffe durch kostengünstigere oder leichter erhältliche zu ersetzen.

Die Steigerung der Materialeffizienz, sprich: das Vermeiden von Verschwendung und Abfall, hat über das reine Rohstoffthema hinaus eine ganze Reihe von Vorteilen im Gefolge, die die finanzielle Situation der Unternehmen verbessern können: Nicht nur die Produktions-, sondern auch die Beschaffungs- und Logistikprozesse entspannen sich und erfordern weniger Kapazität bei Maschinen und Personal. Diese Einsparungen über die Wertschöpfungskette hinweg erhöhen damit die Wettbewerbsfähigkeit.

Selten sind es Einzelmaßnahmen, die zum Erfolg führen, wie ­Monika Nörr, Rohstoffexpertin bei der IHK München, beobachtet: „Von verbesserten Lieferverträgen über Einkaufskooperationen bis hin zu Materialeinsparung und -substitution nutzen viele Unternehmen eine ganze Palette von Maßnahmen, um ihre Ressourcensituation zu verbessern.“ Sie verweist auf Beispiele aus ihrer Region: Ein mittelständischer Hersteller von Elektromotoren zentralisierte seine Lagerhaltung und veränderte die Produktionsprozesse. Allein diese Kombination von Maßnahmen reduzierte den Materialausschuss auf 1 % und hob die Verbrauchsquote für das Kupfer auf 99 % an. Einsparvolumen pro Jahr: fast 500 000 Euro. Ein Hersteller von Fenstern und Türen ersetzte bei seinen Produkten den Rohstoff Stahl durch Kunststoffe, standardisierte sein Portfolio und vereinfachte den Produktionsprozess. Heute muss er jährlich 139 000 Euro weniger für Rohstoffe ausgeben als zuvor.

Dabei sind viele innovative Maßnahmen mehr mit Intelligenz als mit hohem Aufwand verbunden: Die Deutsche Materialeffizienzagentur (demea) schätzt, dass rund 50 % der Optimierungsansätze weniger als 10 000 Euro kosten. Fazit: Schon einfache Maßnahmen zeigen rasche Wirkung. Dabei sind die Investitionskosten oftmals gering und die Amortisationszeiten kurz.

Dr. Hans-Dieter Radecke


Artikel vom: 2012-08-30 15:06:00
ANZEIGE