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Der Optimist

WirtschaftsKurier: Herr Dr. Fichtner, die Auftragsein­gänge der Unternehmen ­spru­­deln nicht mehr wie gewohnt. Ist die Zeit der Konjunkturbelebung in Deutschland beendet?

Ferdinand Fichtner: Für die zweite Jahreshälfte 2012 sehen wir in Deutschland eine Abkühlung der Konjunktur, die sich ja schon im ersten Halbjahr nicht mehr so kräftig darstellte wie in den vorausgegangenen zwei Jahren. Jetzt spüren wir zunehmend die sich abkühlende Konjunktur außerhalb Deutschlands. Zum ­einen drückt die deutschen Exporteure die deutlich schwächere Nachfrage aus dem Euroraum, zum anderen hat aber auch die Dynamik der konjunkturellen Entwicklung in den Schwellenländern – vor allem in China – deutlich an Kraft verloren.

Verglichen mit den anderen Europartnern steht die Bundesrepublik konjunkturell dennoch recht gut da. Was stützt die deutsche Konjunktur?

Die wesentliche Stütze bildet derzeit die Binnennachfrage – insbesondere der private Verbrauch, der von der guten Einkommenssituation der privaten Haushalte profitiert. Grund ist die ausgesprochen gute Arbeitsmarktsituation. Die Arbeitslosenquote liegt bei weniger als 7 %. Das ist für deutsche Verhältnisse sehr niedrig, und die Beschäftigung hat den höchsten Stand seit der Wiedervereinigung erreicht. Das hat sich auf die Löhne und Gehälter ausgewirkt. Sie haben erstmals seit Längerem wieder kräftig zugelegt. Bei relativ niedriger In­fla­tionsrate ist es somit zu einem spürbaren Anstieg der realen Kaufkraft gekommen. Das hat die Kauf­lust der Verbraucher beflügelt. Somit ist der private Konsum nach jahrelanger Tristesse zum Standbein der deutschen Konjunktur avanciert und verhindert, dass die nachlassende Nachfrage aus dem Ausland die deutsche Wirtschaft stärker ausbremst.

Erstaunlich ist, dass der deutsche Arbeitsmarkt den schwächeren Konjunkturverlauf nicht widerspiegelt. Müssen wir uns auf einen Rückschlag einstellen? Der Arbeitsmarkt gilt doch als nachlaufender Indikator.

Die schwächere konjunkturelle Entwicklung in der zweiten Jahreshälfte wird nach Einschätzung des DIW Berlin dazu führen, dass sich auch der Arbeitsmarkt etwas schwächer entwickeln wird. Wir rechnen für die Monate um die Jahreswende mit einem Rückgang der Beschäftigten. Die Arbeitslosenquote wird etwas zulegen und möglicherweise leicht über die 7 %-Marke klettern. Wir erwarten also eine Eintrübung am Arbeitsmarkt, die aber nicht besonders ausgeprägt sein wird.

Was veranlasst Sie zu dieser recht optimistischen Annahme?

Wir gehen von einer relativ kurzzeitigen Eintrübung der deutschen Konjunktur aus und glauben, dass die Unternehmen vor diesem Hintergrund versuchen werden, die schwächere Nachfrage weitgehend über die Arbeitszeit auszugleichen. Das heißt, man wird verstärkt auf Kurzarbeit und vor allem auf den Abbau von Überstunden zurückgreifen. Entlassungen werden die Un­ternehmen weitgehend zu vermeiden versuchen. So leergeräumt wie der Arbeitsmarkt zurzeit ist, würde es schwierig für sie werden, bei wieder anziehender Nachfrage schnell qualifi­zierte Arbeitskräfte zu bekommen. Deshalb werden sie versuchen, ihre Mitarbeiter zu halten.

Wie sieht die Prognose des DIW für das kommende Jahr aus?

Wie bereits angedeutet sind wir für das nächste Jahr recht zuversichtlich. Wir rechnen für 2013 mit einem Wachstum des realen Bruttoinlandsprodukts (BIP) von 1,6 %. Im Vergleich zu den Pro­gnosen anderer Institute und des Sachverständigenrats, die im Schnitt bei eher knapp 1 % liegen, sind wir also recht optimistisch. Das DIW geht davon aus, dass sich die deutsche Wirtschaft 2013 rasch erholen wird, da die gute Binnenkonjunktur sich – vor allem getrieben durch den privaten Konsum – fortsetzen wird. Au­ßerdem dürften sich die Exporte ­wieder beleben, weil die Schwellenländer relativ schnell aus ihrer konjunkturellen Schwächephase herauskommen werden.

Warum glauben Sie, dass die Schwellenländer ihre Konjunkturschwäche bald überwinden?

Man sieht es beispielsweise schon bei dem für die deutsche Wirtschaft mittlerweile bedeutendsten Schwellenland: China. Das sta­tistische Amt hat für das dritte Quartal 2012 gerade eine kräftige Wachstumsrate in China gemeldet. In den sonstigen Schwellenländern, vor allem in den anderen BRIC-Staaten, erwarten wir eine ähnliche Entwicklung. Bei einer Belebung werden diese Länder rasch wieder an ihre Kapazitätsgrenzen stoßen und nach Investitionsgütern Ausschau halten, die, wie bisher, aufgrund der hohen Wettbewerbsfähigkeit und Lieferbereitschaft vor allem von deutschen Firmen kommen werden.

Die Zahlen weisen aber auf eine zurückhaltende Entwicklung hin.

Das liegt daran, dass die Zahlen erst mit einer erheblichen Zeitverzögerung die realwirtschaftliche Entwicklung widerspiegeln. Die Einkaufsmanager-Indizes zum Beispiel weisen für die Schwellenländer eine deutliche Stimmungsverbesserung aus.

Das erwartete Wachstum für 2013 erscheint aber nicht sehr hoch, verglichen mit 2011 und 2010, als 3 % beziehungsweise über 4 % reales Wirtschaftswachstum erzielt wurden. Waren das Ausnahmejahre?

Sicherlich. Man muss sie im Zusammenhang mit den voraus­gegangenen beiden Rezessionsjahren 2008 und 2009 sehen. ­Damals war die Wirtschaft um ins­gesamt mehr als 6 % einge­brochen. Mit den erwarteten 1,6 % sind wir – gemessen an der Zeit vor der Krise – auf einen soliden Wachstumspfad zurückgekehrt.

Wann können export­orientierte Betriebe wieder mit mehr Orders aus dem Ausland rechnen?

Wir gehen davon aus, dass um die Jahreswende die erwartete Belebung der Weltwirtschaft eintreten wird.

Erwarten Sie, dass 2013 die Eurozone insgesamt wieder aus der Rezession herauskommt?

Ja, sie wird sich im kommenden Jahr vermutlich befreien können. Das DIW Berlin rechnet mit einer leicht positiven Wachstumsrate im Euroraum. Allerdings dürfte die Entwicklung weitgehend von Deutschland und den anderen stabilen Ländern getrieben werden. In den Krisenstaaten erwarten wir für 2013 dagegen durchweg noch negative Wachstumsraten. Einzelne Krisenländer – zum Beispiel Spanien – könnten in der zweiten Jahreshälfte 2013 allerdings den Tiefpunkt ihrer wirtschaftlichen Entwicklung erreichen. Das heißt aber nicht, dass diese Länder dann in einen Wachstumsprozess einschwenken werden. Das dürfte noch sehr lange dauern, da die Umstrukturierung der Wirtschaft dieser Staaten viel Zeit erfordern wird.

Neben der Eurozone sind die USA ein wichtiger Absatzmarkt deutscher Exporteure. Wird es den Vereinigten Staaten gelingen, einen nachhaltigen konjunkturellen Aufschwung zu inszenieren – immerhin gilt es, das fiscal cliff am Jahresende zu überwinden?

Die Entwicklung in den USA beurteilen wir für das nächste Jahr vorsichtiger. Die derzeit etwas positivere Konjunkturentwicklung dort lässt sich sicherlich nicht ohne Weiteres fortschreiben. Die immer noch stärkste Wirtschaftsmacht der Welt kämpft mit großen wirtschaftlichen Schwierigkeiten, die sie nicht ewig vor sich herschieben kann: Am Arbeitsmarkt beobachten wir eine hohe, zähe Arbeitslosigkeit. Vor allem bedarf das riesige Schuldenpro­blem endlich der Lösung, was allerdings zu einer eher kontrak­tiven Finanzpolitik führen dürfte. Hoch verschuldet sind neben dem Staat aber auch die privaten Haushalte. Die seit Langem de­fizitäre Handelsbilanz spiegelt deutlich wider, wie sehr die Amerikaner seit Jahren über ihre ­Verhältnisse leben. Und – wie bereits in Ihrer Frage angedeutet – es droht zur Jahreswende eine besonders schwierige Situation, sollten sich der Präsident und der Kongress nicht auf eine Über­windung des fiscal cliffs einigen können. Aus diesem Anlass ­könnten sich die Medien, die Schar weltweiter Analysten und die Ratingagen­turen – weg von Europa – stärker den USA zu­wenden, was Washington unter Druck bringen würde, die wirtschaftlichen Pro­bleme und vor ­allem die Schuldenprobleme des Landes tatsächlich anzugehen.

Anders als oft behauptet, spiegelt der Euro nicht die wirtschaftlichen Schwierigkeiten in der Eurozone wider. Mit Kursen von etwa 1,30 US-Dollar präsentiert sich die Gemeinschaftswährung ziemlich selbstbewusst.

Einerseits haben wir natürlich ein wirtschaftliches Umfeld in der Eurozone, das für die Gemeinschaftswährung äußerst problematisch ist. Andererseits sind die Märkte sehr hellsichtig mit Blick auf die Schwierigkeiten in anderen Teilen der Welt und besonders in den USA, deren enorme Probleme ich soeben umrissen habe. Dies dürfte den Euro auch weiterhin stützen.

In Deutschland halten sich die Unternehmen mit Investitionen aufgrund der schwächeren Kapazitätsauslastung zurück. Wird sich die Investitionstätigkeit bei positiveren Konjunkturerwartungen und anhaltend niedrigen Zinsen 2013 beleben?

Gleich zu Jahresbeginn wird noch kein unmittelbarer Druck bestehen zu investieren; aber sobald sich die Nachfrage im Jahresverlauf belebt, die Kapazitäten enger werden – wovon wir ausgehen – und sich die Absatzperspektiven verbessern, dürften die Unternehmen vermehrt Ausrüstungsinvestitionen tätigen und dabei den günstigen Zins gern mit­nehmen.

Anders als bei den Ausrüstungs­investitionen sehen wir derzeit bei den Bauinvestitionen – vor allem im Wohnungsbau – eine deutliche Belebung. Wird sich der kräftige Aufschwung über 2012 hinaus fortsetzen?

Das DIW erwartet, dass die kräftige Erholung in der Bauwirtschaft, besonders im Wohnungsbau, auch im kommenden Jahr anhalten wird. Gerade im Eigenheimbau, vor allem aber im Mehrgeschosswohnungsbau hat sich in früheren Jahren wenig getan. Hier hat sich ein erheblicher Nach­holbedarf aufgebaut. Zudem übt ein niedriger Zins auf Häusle­bauer stets einen besonderen Reiz aus, und die verbreiteten Befürchtungen einer zukünftig höheren Inflation schürt die Flucht ins Betongold. Diese Beweg­gründe dürften auf alle Fälle bis ins nächste Jahr hinein wirken.
 
Skeptiker warnen bereits vor einer Blasenbildung im Wohnungsbau.

Das Problem bei Blasen: Man ­erkennt sie erst dann, wenn sie platzen. Es gibt sowohl empirische Arbeiten, die bereits eine Blasenbildung erkennen wollen, aber auch solche, die eine Blasenbildung ausschließen. Ich persönlich denke, dass wir in einigen Regionen durchaus Entwicklungen beobachten, die nicht nur mit Zuzug oder den günstigen Finanzierungskonditionen zu erklären sind. Aber solange sich der Bauboom auf einzelne Regionen oder Ballungsgebiete beschränkt, sehe ich kein Problem einer Blasen­bildung. Und selbst wenn es zu einer Blasenbildung und zum Platzen einer Blase kommen sollte, dürften die Auswirkungen bei Weitem nicht der Katastrophe in den USA ähneln, wo die Immobilien als Besicherung für Konsumkredite genutzt wurden und viele Menschen vor dem Nichts standen, nachdem die Immo­bilienblase geplatzt war, weil ihr Haus oder ihre Wohnung dra­matisch an Wert verloren hatten und nun keine Sicherheit mehr für die Banken darstellten. In Deutschland sind in der Regel keine 100 %-Finanzierungen möglich, und ein Wohnungsbaukredit dient hierzulande meist ausschließlich der Finanzierung der Immobilie.

Allerdings hat die EZB signalisiert, dass die Zinsen für längere Zeit auf niedrigem Niveau bleiben werden. Könnte das nicht zu Verwerfungen am deutschen Immobilienmarkt führen?

Das ist das Fundamentalproblem einer Währungsunion, die aus Ländern mit sehr unterschiedlichen Wirtschaftsverläufen besteht. Die EZB ist nur in der Lage, eine Geldpolitik für den Währungsraum als Ganzen zu betreiben. Vor Jahren hatten wir in Spanien eine ähnliche Situation – allerdings bezogen auf das gesamte Land – mit den jetzt zu beobachtenden verheerenden Folgen. Die Politik ist gefordert, sich zu überlegen, wie sie die asynchronen  Konjunkturverläufe besser in den Griff bekommen kann. Das DIW hat das Problem eingehend untersucht und hierzu jüngst Vorschläge unterbreitet. Man könnte zum Beispiel über eine gemeinsame Arbeitslosenversicherung im Euroraum nachdenken. Das würde das Problem zumindest abmildern.

Wie sieht Ihr Institut die weitere Inflationsentwicklung?

Wir rechnen auch für das kommende Jahr mit einer Inflationsrate von etwa 2 %. Es besteht also kein ausgesprochener Infla­tionsdruck. Auch sehen wir nicht die Gefahr eines Zweitrunden­effekts – aufgrund kräftig steigender Löhne und Gehälter. Die ­Löhne haben in der jüngeren Vergangenheit zwar deutlich zu­ge­legt und dürften auch 2013 wei-ter steigen; eine Gefahr für die Preisstabilität ist das aber noch nicht. Mittelfristig rechnet das DIW – aufgrund der expan­siven Geldpolitik – allerdings mit einer etwas höheren Teuerungsrate. Wir sollten uns darauf einstellen, dass sich die Inflationsrate in Deutschland für längere Zeit auf 2 % bis 3 % einpendeln wird.

Wird es den Volkswirtschaften im Euroraum im Lauf der ­nächsten fünf Jahre gelingen, in ihrer wirtschaftlichen Entwicklung wieder an die Zeit vor der Wirtschafts- und Finanz­krise anzuknüpfen?

Ja, aber nur sehr langsam – und vorausgesetzt es gelingt ihnen, ihre Wirtschaft umzustrukturieren und somit wettbewerbs­­fähig zu werden. Die Länder, die nicht von der Krise betroffen sind, ­sollten darüber nach­denken, wie sie einen solchen Umstrukturierungsprozess – weg von der Binnenwirtschaft und hin zu einer exportorien­tierten Wirtschaft – unterstützen können.

Und wie beurteilen Sie die Perspektiven für die deutsche Wirtschaft über 2013 hinaus?

Deutschland ist in einer recht komfortablen Situation. In den vergangenen zehn Jahren hat die Bundesrepublik ihre Position an den Weltmärkten nachhaltig gestärkt. Sowohl mit Blick auf den Preis als auch hinsichtlich der Qualität ist man sehr gut aufgestellt. Für die Zukunft kommt es darauf an, dass die gemachten Fortschritte nicht aufs Spiel gesetzt werden, indem man meint, in der Vergangenheit Versäum-tes – zum Beispiel im Bereich der Löhne – nun nachholen zu ­müssen. Allerdings ist es aus mei­ner Sicht auch nicht notwendig, noch weiter an der Preisschraube zu drehen. Produkti­vitäts­fortschritte können jetzt mehr als in der Vergangenheit an die ­Beschäftigten weitergegeben werden. Das trägt auch dazu bei, dass wir in Deutschland in der Zukunft tatsächlich ein gleich­gewichtig binnenwirtschaftliches und exportgetriebenes Wachstum erreichen. Ich bin da ganz zuversichtlich.
 
Das Interview führte
WiKu-Mitarbeiter
Dieter W. Heumann


Artikel vom: 2012-12-19 10:51:00
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