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Spaß im Job

Rein körperlich bin ich jeden Tag am ­Arbeitsplatz. Punkt. Mehr möchte ich dazu nicht sagen.“ Der zuvor offene Gesichtsausdruck des Angestellten verschließt sich trotzig, und dem Journalisten verschlägt es für kurze Zeit die Sprache. Seine Frage an einen Kreis von Mitarbeitern eines mittelständischen Unternehmens der Medienbranche ­bezog sich auf einen für den ­Geschäftserfolg jeder Firma entscheidenden Faktor: die Zufriedenheit mit der Arbeitssituation.

Die Kollegen des Sprechers nicken teilweise zustimmend, grinsen verständnisvoll oder blicken verlegen zu Boden. Der Journalist schließt daraus, dass es sich bei der bitteren Aussage nicht um eine verquere Einzelmeinung handelt. Sie macht trotz oder gerade wegen ihrer knappen und allgemeinen Formulierung den Eindruck überdeut­licher Reserviertheit dem Arbeitgeber gegenüber – ein miserables Zeugnis, das, wenn es unbeachtet bleibt, fatale Folgen für das betreffende Unternehmen haben kann.

Es hört sich wie eine Binsenweisheit an, dass Freude an der ­Arbeit und ein motivierendes ­Arbeitsumfeld ein wichtiger Produktivitätsfaktor sind. Dennoch lässt offenbar die reale Situation der deutschen Wirtschaft in dieser Hinsicht zu wünschen übrig. Eine 2011 veröffentlichte Studie des Instituts Arbeit und Qualifikation der Universität Duisburg-Essen stellt fest, dass im interna­tionalen Vergleich die Arbeits­zufriedenheit der Deutschen als besonders schlecht auffällt. Nur in der Slowakei, der Ukraine, in Bulgarien und in Russland sind Arbeiter und Angestellte noch unzufriedener als hierzulande. Besonders bedenklich: Die Zufriedenheit ist in den vergangenen 25 Jahren erheblich gesunken, auf einer Skala von null bis zehn von 7,6 Punkten im Jahr 1984 auf 6,8 Punkte im Jahr 2009.

Für die Zukunftsfähigkeit der Unternehmen besonders bedrohlich ist dabei, dass sich laut dieser Studie bei den Arbeitnehmern über 50 Jahren die Einschätzung um 180 Grad gedreht hat. Während sie 1984 mit 7,9 Punkten noch die höchsten Zufriedenheitswerte aller Altersgruppen aufwiesen, lagen diese 2009 mit 6,6 Punkten sogar unter dem Durch­schnitt. Die Frage, wie deut­sche Firmen angesichts solcher Trends die ­Herausforderung durch den demografischen Wandel und die Knappheit qualifizierter Arbeitskräfte bestehen wollen, liegt also nicht fern.

Was aber macht einen zu­friedenen Mitarbeiter aus? Eine Umfrage von LifeSize, einem renommierten Anbieter von HD-Videokonferenzsystemen, die als Ersatz für stressfördernde Dienstreisen angeboten werden, hat die Zufriedenheitsprioritäten der Arbeitnehmer untersucht. Über 87 % der Führungskräfte sehen sich seitens ihrer Mitarbeiter mit dem Wunsch nach flexibleren Arbeitszeiten und -strukturen konfrontiert, fast ebenso viele mit dem Streben nach einer guten Work-Life-Balance (80 %). Zu den wichtigsten Bedürfnissen gehören auch Entwicklungsmöglichkeiten und eine positive Feedbackkultur vom Chef (70,9 %). Gehaltserhöhungen, Boni oder ähnliche Leis­tungen haben bei Weitem nicht so große Bedeutung (63,6 %).

Flexibilität bei den Arbeitszeiten, selbstbestimmtes Handeln auf den eigenen Kompetenzfeldern sowie eine möglichst stressfreie und ergonomische Arbeitsstätte – diese Wünsche tauchen in so gut wie allen Mitarbeiterbefragungen auf. Obwohl es im ersten Augenblick nicht deutlich wird, steckt in dieser Kombination von Merkmalen der Arbeitszufriedenheit als verbindender Faktor die Gesundheit.

Dabei geht es nicht nur um vordergründige Themen wie sichere Arbeitsumgebung, ergonomischer Arbeitsplatz und Fitness für die Tagesarbeit. Vielmehr umfasst der Begriff Gesundheit körperliche, psychische und psychosoziale Elemente, die in ihrem ­Zusammenwirken die Zufriedenheit der Mitarbeiter beeinflussen. Überspitzt formuliert: Was die Zufriedenheit fördert, macht gesund, was sie schädigt, bedroht die Gesundheit.

Zufriedene und gesunde Mitarbeiter tendieren dazu, sich mit ihrem Arbeitgeber zu identifizieren, sich für den Erfolg des Betriebs zu engagieren und die Leistungsbereitschaft zu maximieren. Sie übernehmen gern Eigenverantwortung, denken mit und rufen freiwillig ihr ganzes Potenzial ab. Mit anderen Worten: Sie sind kreativer und steigern die Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens.

Bestätigt werden diese Zusammenhänge durch eine Studie des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales. Ausgehend davon, dass zufriedene Mitarbeiter engagierter sind und engagierte Mitarbeiter ein Unternehmen erfolgreicher machen, wurden diese Beziehungen über alle Branchen hinweg untersucht, mit dem Ergebnis: Überdurchschnittlich profitable Unternehmen verfügen im Schnitt über doppelt so viele als aktiv-engagiert zu charakterisierende Mitarbeiter als wenig pro­fitable Firmen. Umgekehrt finden sich in wenig erfolgreichen Gesellschaften mehr als dreimal so viele mit ihrer Situation unzufriedene und desinteressierte Mitarbeiter.

Joachim E. Fischer, Direktor des Instituts für Public Health an der medizinischen Fakultät Mannheim der Universität Heidelberg, erläutert die medizinischen Zusammenhänge, welche die Untersuchungsergebnisse begründen könnten: „Die für mentale Leistungen benötigten komplexen neuronalen Verschaltungen im Frontalhirn werden vor ­allem dann aktiv, wenn die für die emotionale Bewertung zuständigen Zentren im Gehirn Sicherheit und ein positives Umfeld signalisieren.“

Da heute in allen Branchen kreative und engagierte Mitarbeiter erfolgsentscheidend sind, plädiert der Mediziner für ein umfassendes Konzept der Gesundheitsförderung: „Modernes betriebliches Gesundheitsmanagement muss daher über das Abwenden von potenziell vermeidbaren berufsbedingten körperlichen Erkrankungen hinausführen. Es soll­te in Zusammenarbeit zwischen Linienmanagement, Personalentwicklung und Gesundheitsdiensten erreichen, die psychosozialen Belastungen zu minimieren und gesundheitsförderliche Haltungen zu unterstützen. Wenn Menschen einen Sinn in der Arbeit ­sehen, sich wertgeschätzt fühlen, Entwicklungschancen ausmachen und sich als zugehörig erleben, dann sind sie zu Höchstleistungen fähig.“

Stress ist der größte Stress­faktor

Was aber sind die „psy­chosozialen Belastungen“ und welche „gesundheitsförderlichen Haltungen“ sind wie zu unterstützen? Hier sind sich die Experten einig: Die entscheidende Belastung ist der Anspannungszustand, der als „Stress“ bezeichnet wird. Stress kann durch verschiedene Faktoren erzeugt und verstärkt werden: durch Überfor­derung, Probleme bei der Work-Life-Balance, einen autoritären Führungsstil, Mobbing oder physische Beschwerden.

Insbesondere psychische Belastungen sind zu einem Gesundheitsproblem geworden, wie Ingo Weinreich, Mitglied im Vorstand des Bundesverbands betriebliches Gesundheitsmanagement (BBGM), hervorhebt: „Psychische Erkrankungen sind auf dem Vormarsch. Sie sind heute bereits für mehr als 10 % aller Arbeits­unfähigkeitstage verantwortlich. Damit nehmen sie den dritten Rang hinter Muskel-, Skelett- und Atemwegserkrankungen ein. Das Problem daran ist, dass sie mit sehr langen Ausfalldauern und schlechten Gesundheitsprognosen assoziiert sind.“ Den Grund hierfür sieht Weinreich im Wandel des Berufslebens: „Die Arbeitswelt ist komplexer und deutlich anspruchsvoller geworden. Produkte und Dienstleistungen müssen heute schneller, innovativer, emotionaler, individueller, sicherer und zugleich kostengünstiger sein, um abgesetzt werden zu können. Damit einhergehend sind auch die Anforderungen an die Beschäftigten gestiegen. Mitarbeiter müssen heute ebenfalls mobiler, variabler und schneller sein.“

In der Realität der Arbeitswelt verstärken sich die stressauslösenden Entwicklungen seit Jahren. Der eingangs erwähnte Mitarbeiter des Medienhauses macht dies weiter deutlich: „Statt mehr Mitarbeiter einzustellen, wird uns einfach immer mehr Arbeit auf­gebürdet. Unsere Überstundenstände sind gigantisch. Wir sollen sie eigentlich abbauen, aber wer kann das, wenn sich dann die Arbeit auf die Kollegen verlagert, die sowieso schon überlastet sind?“

Einen grundsätzlichen Einblick in die Beurteilung der gesundheitsrelevanten Faktoren am Arbeitsplatz gibt Franz Netta, ehemaliger Vice President Human Resources im zentralen Personalwesen der Bertelsmann AG, anhand seiner Erkenntnisse bei Mitarbeiterbefragungen im weltweit vertretenen Bertelsmann-Konzern. Zahlreiche anonyme Befragungen ergaben laut Netta folgende übereinstimmenden Grundaussagen: Der Schutz der Gesundheit erklärt sich „zu 62 % durch Autonomie in der eigenen Arbeit, Transparenz und Einschätzbarkeit der Unternehmensstrategie sowie Sicherheit des Arbeitsplatzes und Zufriedenheit mit der Arbeitszeitregelung“.

Mitarbeiter wissen, was sie können

Dass im Vordergrund die Aspekte Autonomie und Transparenz stehen, scheint zunächst erstaunlich, wird aber durch Ergebnisse von Befragungen in anderen Unternehmen bestätigt. Netta betont, dass so gut wie jeder Arbeitnehmer einschätzen kann, wie viel Autonomie ihm zugestanden werden kann: „Ein Mitarbeiter an der Rotationsmaschine oder im Call-Center versteht sehr wohl, dass er nicht die gleichen Gestaltungsfreiräume wie ein Geschäftsführer haben kann. Umso empfindlicher und kritischer reagiert er aber, wenn ihm Autonomie oder Mitsprache nicht einmal dort zugestanden wird, wo dies ohne Probleme möglich wäre.“

Diese Zusammenhänge zeigen: Die Gesundheitsförderung der Mitarbeiter ist eine wichtige Führungsaufgabe. Sie erfordert ein durchdachtes und nachhal­tiges betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM), das nicht nur Fehlzeiten senken will, sondern, wie es Fischer formuliert, „darauf zielt, die Leistungsfähigkeit, die Leistungsbereitschaft und die Leistungskompetenz der Mitarbeiter zu stärken“.

Wenn dies in Zusammenarbeit von Unternehmensführung, Personalabteilung, Betriebsrat und eventuell externen Unterstützern wie den Krankenkassen gelingt, werden Fälle von körperlicher Anwesenheit, aber innerer Kündigung die Ausnahme sein.

Dr. Hans-Dieter Radecke


Artikel vom: 2012-09-07 17:40:00
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