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Wer zuerst zuckt, hat verloren

Assekuranz: Noch will kein Anbieter seine Konditionen für die neuen Unisex-Tarife bekannt geben. Die Einführung fordert die EU ab nächstem Jahr. Wie die Zukunft der Krankenversicherung und der Lebensversicherung aussieht und warum Solvency II wohl nicht rechtzeitig startet, darüber sprach Nürnberger-Chef Werner Rupp im Interview.

WirtschaftsKurier: Ende vergangenen Jahres herrschte wegen der Absenkung des Garantie­zinses Schlussverkaufs­stimmung in der Lebensversicherung. Erwarten Sie das auch Ende dieses Jahres in der Krankenversicherung?


Werner Rupp: Sie meinen wegen der Einführung der Unisex-Tarife? 2011 hatten wir ein so gutes Jahresendgeschäft – das kann man wohl 2012 nicht wiederholen. Wir bieten die neuen Tarife noch nicht an und werden uns mit der Bekanntgabe der genauen Kon­ditionen Zeit lassen.

Wieso?

Natürlich setzt die Assekuranz für die Kalkulation der Unisex-An­gebote, die einheitliche Beiträge für Frauen und Männer vor­sehen, auf die Historie. Aber ganz präzise Aussagen für die Zukunft lassen sich daraus nicht ableiten. Man muss also Sicherheitszuschläge einkalkulieren. Sind diese zu niedrig, wirkt sich das negativ auf das Ergebnis aus, sind sie zu hoch, hat man eine schlechte Wettbewerbsposition. Also werden die meisten Anbieter möglichst lang mit genauen Angaben warten.

Gab es nach dem guten Jahresendgeschäft einen holprigen Start 2012?

Das Geschäft läuft – vor allem auch in der Lebensversicherung – erstaunlich gut. Das Neugeschäft stieg im Leben-Geschäft bis Ende März im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 60 %, die gebuchten Prämien stiegen um über 12 %. Auch die Entwicklung in der Schaden- und Krankenversicherung ist sehr zufriedenstellend.

Was sind die Gründe dafür?

Da gibt es mehrere Faktoren. Unter anderem hatten wir im Januar noch einen großen Überhang aus dem alten Jahr. Insofern bin ich positiv überrascht, wie gut die Entwicklung im Februar und März war. In der Lebensversicherung ist die Ursache die Gesamtverzinsung, die wir konstant bei 4 % gehalten haben.

Viele Gesellschaften mussten diese Kennziffer absenken ...

Wir liegen nun unter den besten Versicherungen am Markt. Die Geamtverzinsung setzt sich ja aus dem Rechnungszins, der in diesem Jahr von 2,25 % auf jetzt 1,75 % abgesenkt wurde, und der Überschussbeteiligung zusammen. Bei Letzterer haben wir einen exzellenten Wert erzielt. Deshalb können wir die Gesamtverzinsung bei 4 % halten – auch weil wir hier Nachhaltigkeit anstreben.

Was meinen Sie damit?

Wir sehen die Überschussbetei­ligung nicht als volatile Größe an, die man mal herauf- und mal ­he­r­untersetzen kann. Seit 2004 halten wir die Gesamtverzinsung bei 4 % – ganz bewusst. Wir lagen damit auch mal unter den Werten der Konkurrenz. Aber der Kunde soll wissen, dass die Kennziffer zwar keine Garantie, aber ein Versprechen über einen langen Zeitraum darstellt. Das ist ein wich­tiger Grund für unseren Erfolg im Neugeschäft.

Die Niedrigzinsphase muss aber doch auch für die Nürnberger ein Problem sein?

Niedrigzinsen sind prinzipiell Gift für das Angebot eines Lebensversicherers. Die Frage ist, welche Finanzkraft, welche Risikotragfähigkeit eine Gesellschaft an dieser Stelle hat. Und da stehen wir wirklich sehr gut da. Die Nachhaltigkeit der Überschussbeteiligung kann zum Beispiel mit dem sogenannten Überschussreservefaktor berechnet werden.

Wie hoch ist dieser Faktor bei der Nürnberger?

Er liegt bei uns bei 3,6. Das heißt, wir könnten eine Überschussbeteiligung in der bisherigen Höhe 3,6 Jahre bezahlen, ohne dass wir Gewinne erzielen und der Rückstellung für Beitragsrückerstattungen zuführen. Damit liegen wir an der Spitze des Marktes. Bei den Wettbewerbern schwankt dieser Faktor zwischen 1 und 2,2. Sollten wir allerdings „japanische Verhältnisse“ mit einer sehr langen Niedrigzins-Phase bekommen – dabei spreche ich eher von Jahrzehnten als von Jahren – dann müssten vermutlich auch wir die Gesamtverzinsung reduzieren.

In der Branche gibt es Diskussionen darum, ob das Geschäftsmodell der Lebensversicheurng bei einem Garantiezins von 1,75 % überhaupt Sinn macht. Wie sehen Sie das?

Für eine Abschaffung des so genannten Garantiezinses, der auf 1,75 % festgelegt ist, fehlen die gesetzlichen Voraussetzungen. Allerdings könnte sich die Situation nach der Einführung von Solvency II ändern.

Was hat das Thema mit dem neuen Regelwerk zu tun?

Solvency II misst die Risiken, die ein Versicherer eingeht, sehr viel genauer. Wenn man das präzise anwendet, dann braucht man ­eigentlich keine Vorschriften für den Garantiezins mehr. Es wäre nur noch eine Behörde notwendig, die überwacht, ob die eingegangenen Risiken in einem an­gemessenen Verhältnis zur wirtschaftlichen Substanz des Assekuranzunternehmens stehen.

Der Garantiezins wäre also überflüssig?

Dann könnte jede Gesellschaft den Zins festsetzen, den sie sich leisten kann. Die Behörde würde kontrollieren, dass die Versicherung ihre Eigenmittel nicht überstrapaziert. Ein Gesetzgeber, der den Markt reguliert, wäre dann an dieser Stelle nicht mehr notwendig. Meiner Meinung nach würde das eine Dynamik in den Markt bringen wie Mitte der 1990er-Jahre bei der Deregulierung. Damals entstanden plötzlich viele Möglichkeiten und die Branche hat sie intensiv genutzt.

Einige Diskussionen gibt es auch um die Zukunft der Krankenversicherung. Im vergangenen Jahr erhöhte sich das Neugeschäft der Nürnberger Kranken um 25 %. Woher kam das starke Wachstum?

Die Vollversicherung läuft ganz hervorragend. Die Abschaffung der Drei-Jahres-Sperre – man muss bei Überschreiten der Einkommensgrenze nicht mehr drei Jahre warten, bis man in die PKV wechselt – hat eine Sogwirkung vor allem für gesetzlich Versicherte entfaltet.

Es gibt eine Dauerdebatte um steigende PKV-Beiträge im Alter. Müssen neue Kalkulationsansätze her?

Nein, die vorhandenen Verfahren sind völlig ausreichend. Die Pro­bleme entstehen meiner Meinung nach dann, wenn ein Versicherer zu lange mit Beitragsanpassungen wartet und dann stark erhöhen muss.

Ebenfalls in der Diskussion sind Billigtarife in der PKV, deren Leistungen zum Teil unter de­nen der GKV liegen. Wie handhabt die Nürnberger das Thema?

Wir haben solche Angebote nicht im Programm. Sie werden ja häufig mit dem Ziel angeboten, daraus weitere Geschäftsmöglichkeiten zu generieren. Aber damit ­belastet man die Ertragslage der PKV-Sparte und häufig erfüllen sich diese Erwartungen auch nicht.

Derzeit wird die Zukunft der PKV ja selbst von der CDU/CSU in Zweifel gezogen. Erwarten Sie eine Veränderung der Rahmenbedingungen?

Für 2012 und 2013 gehen wir ­davon aus, dass unser Krankenversicherungsgeschäft boomt. Was nach der Bundestagswahl kommt, darüber kann man nur spekulieren.

Von welchem Szenario gehen Sie aus?


Ich kann mir eine Abschaffung der privaten Vollversicherung nicht vorstellen. Das hätte verheerende Folgen, zum Beispiel eine Beitragsexplosion bei den verbleibenden privaten Voll­versicherten. Man kann die PKV-­Kunden auch nicht einfach in ein anderes System umgruppieren, weil das Bestandsrechte verletzen würde. Ich appelliere an die Vernunft: Beide Systeme sollten weiterhin nebeneinander ­bestehen. Ob das allerdings in der jetzigen Form sein muss, ist eine andere Frage.

Wie könnte die Zukunft der PKV aussehen?

Wenn Veränderungen vorgenommen werden, dann müssen für beide Anbieter die gleichen Regeln gelten. Es kann nicht sein, dass die privaten Gesellschaften sich in einem harten Wettbewerb bewähren müssen, die gesetz­lichen Krankenversicherer als Gesellschaften des öffentlichen Rechts aber viele Privilegien genießen – zum Beispiel was Steuern und Eigenkapitalanforderungen betrifft. Wenn ähnliche Rahmenbedingungen gelten, dann spricht nichts dagegen, dass PKV und GKV im Wettbewerb stehen.

Ein gewaltiger Unterschied ­zwischen den beiden Systemen ist sicherlich, dass die Assekuranz demnächst Solvency II einführen muss. Ist das Regelwerk, das in Zeiten stabiler Zinsen entstanden ist, auch für eine volatile Welt geeignet?

Das Regelwerk bildet meiner Meinung nach die Risiken des Ver­sicherungsgeschäfts sinnvoll ab, auch das Kapitalanlagerisiko und ­insbesondere das Zinsrisiko. Vielleicht fehlt hier und da noch die notwendige Feinjustierung. Aber der Ansatz ist 100%ig richtig. Was meiner Meinung nach unbedingt geändert werden müsste, sind die Pflichten zur Berichterstattung.

Inwiefern?

Jedes Quartal muss ein umfangreiches Berichtswesen erstellt werden. Für Versicherer, die überwiegend auf dem deutschen Markt tätig sind, und für Versicherungsvereine auf Gegenseitigkeit ist das eine zu hohe Belastung.

Wackelt der Zeitplan für die Einführung von Solvency II?

Ja, das ist ein Grund dafür, dass der Start im Jahr 2013 gefährdet ist. Auch gibt es viel zu wenig ­spezialisierte Berater. Es wird deshalb wohl eine Übergangszeit ­geben, in der Solvency I und Solvency II nebeneinander gelten.

Das Interview führte
Elwine Happ-Frank,
Chefredakteurin des
WirtschaftsKuriers


Artikel vom: 2012-05-14 17:43:00
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