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Hobbyholics

Trend: Die klassische Unterteilung Arbeit – Freizeit gibt es in Zukunft nicht mehr. Im Zeitalter von Internet und Globalisierung werden in der Unternehmensführung neue Akzente gesetzt. Sowohl Chef als auch Arbeitnehmer müssen sich auf den unvermeidbaren Wandel einstellen.

Jonah Barnes ist ein Pionier. Kein bewusster vielleicht und mit Sicherheit ein Pionier wider Willen. Dennoch ist er in gewisser Hinsicht eine Art origineller Prototyp für die Arbeitswelt der Zukunft.

Wenn er auf seiner mit Kissen und Decken ausgestatteten Luftmatratze sitzt, das Notebook auf dem Schoß, das Handy griffbereit neben sich, dann wirkt er wie ein Business-Profi, der in der Freizeit noch ein paar berufliche Restaufgaben zu erledigen hat. Während er jedoch dem Reporter des Lokalfernsehens seine Erfolgsgeschichte erzählt, streift die Kamera über das Ambiente um Barnes’ Luftmatratze: die kahlen Betonwände unter einer Straßenbrücke in den Außenbezirken der Glitzermetropole Las Vegas. „Ausgesucht hab ich mir das nicht, das stimmt schon“, erklärt der 37-jährige Arbeitslose, ein ehemaliger Baufacharbeiter. „Aber jetzt muss ich sagen: Die Entlassung vor einem Jahr hat mir die Tür zu einem ganz neuen Geschäftsmodell aufgestoßen.“

Barnes’ „Geschäftsmodell“: Er betreibt eine selbst gebastelte Internetplattform, auf der sich Menschen, die arbeitslos oder arbeitssuchend sind, registrieren können. Gleichzeitig sammelt er Informationen aus offiziellen und inoffiziellen Quellen zu offenen Stellen aller Art, vom älteren Ehepaar, das für einige Wochen Hilfe bei der Betreuung zweier Hunde sucht, bis hin zum Softwareun­ternehmen, das einen C++-Programmierer für ein Sechs-Monats-Projekt benötigt.

Da Barnes Zeit ohne Ende hat, lernt er per Chat und Telefon die Bewerber und Anbieter kennen und kann so ihre Wesensart, ihre Fähigkeiten und ihre Bedürfnisse besser beurteilen als beide Seiten bei einem Vorstellungsgespräch. „Was ich biete, ist eine Art Drehscheibe der Jobvermittlung: Ich bringe Menschen zusammen, die durch einen reinen Software­algorithmus allein kaum zusammenfinden würden“, so Barnes. „In den sieben Monaten, die ich das hier schon mache, habe ich immerhin 24 Leuten eine neue Stelle vermittelt.“ Der Jobvermittler auf der Luftmatratze wartet noch mit einer besonderen Leistung auf: Während etwa der Softwarespezialist sein Sechs-Monats-Projekt abwickelt, sucht ihm ­Barnes einen Folgejob.

Wo da das Geschäft für Jonah Barnes liegt? „Ich berechne zwischen 5 % und 10 % des ersten Monatsgehalts“, erklärt der Jobvermittler. „Manche sind so dankbar, dass sie mir mehr geben.“

Die eher amüsante Karriere dieses Mannes charakterisiert wichtige Aspekte der Arbeitswelt, auf die uns Trend- und Zukunftsforscher zusteuern sehen. Da ist einmal die technische Seite: das Internet als Generator immer neuer Geschäftsmodelle, die mit wenig Aufwand große Wirkung entfalten können. Hinzu kommt die individuelle Wahl und Gestaltung von Arbeitsplatz, Arbeitsweise und Arbeitszeit. Und schließlich: totale Mobilität, Bündelung und Nutzung des Wissens vieler Know-how-Träger und eine passgenaue Vermittlung von – meist nur noch zeitweise angestrebten – Arbeitsverhältnissen.

Dass die scheinbar festgefügte Arbeitswelt aus den Fugen geraten ist, wird schon daran deutlich, dass selbst hinter dem fundamentalen Begriff „Arbeit“ heute ein Fragezeichen steht. So heißt es in der vom Zukunfts­institut herausgegebenen Studie „work:design. Die Zukunft der ­Arbeit gestalten“: „Was Arbeit ­eigentlich ist, ist nicht mehr so einfach zu kategorisieren. Einzig die Tatsache, damit seinen Lebensunterhalt zu verdienen, scheint eine greifbare Klammer zu sein. Aber auch dies bröckelt zunehmend, wenn zum Beispiel Pensionisten aus Leidenschaft noch mal eine Firma gründen, Mütter zwei Nebenjobs ausüben (müssen) und Studenten von Praktikum zu Praktikum hüpfen. Da wundert es auch nicht, dass die Veränderungen der Arbeitswelt Angst hervorrufen.“

Mehrere Gründe für den Wandel

Wie sehen die Einflussgrößen aus, die die Umwälzungen der Arbeitsprozesse vorantreiben? Was wird sich konkret verändern? Wie können sich mittelständische Unternehmen darauf einstellen?

Wenn Fachleute einzelne Ursachen des Wandels aufzählen, beginnen sie meist mit der Technologie. Sie hat in den vergangenen Jahrzehnten zu einer ungeheuren Ausweitung der Möglichkeiten geführt: Informationen lassen sich zu jeder Zeit an jedem Ort verfügbar machen – und zwar innerhalb von Sekunden in Mengen, für deren Übertragung noch vor 15 Jahren Wochen nötig gewesen wären. Die Anzahl von ­Geräten für Informationsverarbeitung und Kommunikation hat sich vervielfacht, ebenfalls die ­Fähigkeit, sie zu vernetzen. Die Privathaushalte verfügen inzwischen oft über Informations- und Telekommunikationstechnologie-(ITK-)Infrastruk­turen, die alles in den Schatten stellen, was noch vor Kurzem in Unternehmen üblich war. Sensoren werden bald in jedem Gerät sitzen, Daten erheben und Funk­tionen oder Maschinen steuern. Analysesoftware durchkämmt die Datenflut und liefert die Grundlagen für Entscheidungen. Mobile Anwendungen ermöglichen es, nahezu alle Funktionen von jedem Ort aus auszuführen. Fazit: Technologie ist in der Lage, alle Prozesse in ungeheurem Maße zu beschleunigen.

Ein weiterer großer Einflussfaktor ist die Globalisierung. Märkte sind nur noch international zu definieren. Was an einem Ort der Welt geschieht, wirkt sich im gesamten Weltmarktgeschehen aus: politische Ereignisse und technologische Durchbrüche, Wirtschaftskrisen, Katastrophen sowie gesellschaftliche Umwälzungen – Geschäftsprozesse müssen aus diesem Grund unabhängig von Tageszeiten werden.

Persönliches wird immer wichtiger

Forscher beobachten zudem eine starke Tendenz zur Indivi­dualisierung. Menschen sehen in der Arbeitswelt ein Feld, auf dem sie sich nach ihren Fähigkeiten und Vorstellungen genauso ausdrücken und einbringen möchten wie im Privatleben: diesel-ben tech­nischen Spielzeuge, wie Smart­phones, Pads, Social Media, verwenden; ihre Arbeitszeit nach ihrem persönlichen Rhythmus ausrichten; familiäre und beruf­liche Anforderungen in Einklang bringen statt wie bisher eines zulasten des jeweils anderen auszugrenzen; möglichst viel Selbstbestimmung und Freiraum; möglichst wenig Gebundenheit.

Die Flexibilisierung und Beschleunigung aller Lebensbereiche gehören ebenfalls zu den Trei­bern der Veränderung. Gewohnheiten, Moden, Ansprüche – alles ändert sich in immer kür­zerer Zeit. Produktlebenszyklen werden immer kürzer und das Verlangen nach Neuem wird immer stärker. Reaktionsschnelligkeit bekommt einen entscheidenden Stellenwert in der Wettbewerbsfähigkeit.
 
Beschleunigt wird der Wandel der Arbeitswelt zudem durch den Faktor Demografie. Die Gesellschaft altert zusehends. Junge, technologieaffine Nachwuchskräfte bestimmen mehr und mehr den Unternehmensalltag und bringen neue Sichtweisen in die Entscheidungsprozesse mit ein. Ihr Individualismus führt zu Forderungen nach Arbeitsmodellen, die mit den eigenen Lebensvorstellungen wie Flexibilität, Social Media oder Selbstständigkeit übereinstimmen. Gleichzeitig werden erfahrene, ältere Fachkräfte begehrter, was eigene Strategien der Arbeitsgestaltung erfordert.

Komplexe Abhängigkeiten

Diese Einflussgrößen auf die Arbeitswelt sind nicht isoliert zu sehen, sondern beeinflussen sich gegenseitig und erzeugen ein komplexes Netz von Abhängigkeiten. Die Komplexität steigt noch an, wenn man berücksichtigt, dass alle Einflüsse auf den Einzelnen in unterschiedlicher Weise erlebt und verarbeitet werden. Nicht jeder ist ein dyna­mischer „Knowledge Worker“: kommunikativ, lernbegierig und durchsetzungsfähig, schätzt selbstständiges Arbeiten und Eigenverantwortung oder begeistert sich für Technologie. Hinzu kommt, dass Unternehmen ebenfalls Individuen sind, mit einzigartiger Organisation, Mitarbeiterstruktur und Geschäftsprozessen. Ein Softwarehersteller hat eine völlig andere Ausrichtung hinsichtlich Mitarbeiterqualifikation, Mobilität, Technologie oder Arbeitszeitflexibilität als ein Betrieb des produzierenden Gewerbes. Unternehmensgröße und Branche entscheiden mit darüber, wie und wo der Wandel der Arbeitswelt Fuß fasst. Doch in einem sind sich die Trendforscher einig: Entgehen kann ihm keiner.

Diese Entwicklung beendet das bequeme Sich-Einrichten in Gegebenheiten, das „Ein für alle Mal“ des Lernens, die gesicherte Zukunftsplanung und das Wachsen von langfristigen Bindungen an Arbeitsplatz und Arbeitgeber. Und da Veränderungen auf allen Ebenen eine permanente Neu­anpassung erfordern, wird von jedem in zunehmendem Maß Kreativität verlangt. „Der Sektor des Arbeitsmarkts, der über Jahre hinweg gleich bleibende Routine­arbeiten angeboten hat, wird dramatisch schrumpfen“, so Franz Kühmayer, Gründer und Eigentümer der Strategieberatung Reflections Research & Consulting, Referent des Zukunftsinstituts/Kelkheim und Mitautor der Studie work:design. „Während manche noch eifrig dabei sind, Kreativarbeiter von Passivarbeitern zu unterscheiden, wird es da künftig ­immer weniger zu unterscheiden geben: In variierendem Ausmaß zwar, aber doch über alle Branchen hinweg wird die Arbeitswelt allen Menschen ein hohes Maß an Kreativität abverlangen und jede Branche der Wirtschaft wird zu einer Kreativbranche werden.“

Konkret entwerfen Zukunftsforscher ein einheitliches Bild von den Grundzügen der kommenden Arbeitswelt. Es lässt sich in einigen Szenarien illustrieren:

Feste Arbeitszeiten sind so gut wie verschwunden: Gearbeitet wird auf Projektbasis – wo und wann der Mitarbeiter arbeitet, ist ihm freigestellt, solange er regelmäßig seine Fortschritte mit dem Team austauscht. Besprechungen sind dabei nach wie vor Pflicht, um den persönlichen Kontakt zu pflegen und dadurch erst ein Teambewusstsein zu schaffen. Diese Entwicklung vermindert die Kon­trolle der Unternehmensführung und der Teamleiter über die Mitarbeiter. Ein Vertrauensvorschuss ist also unerlässlich.

Da mobiles Arbeiten die Regel ist, wird die „Tischfläche“ in den Büros der Unternehmen schrumpfen. Dafür wächst die Fläche der Räume, die gemeinsam genutzt werden, beispielsweise für Teambesprechungen, Video­konferenzen oder für den all­gemeinen Austausch. Die ­Kommunikationsinfrastruktur ermöglicht es, jeden Raum als befristeten Arbeitsraum oder Besprechungsraum zu nutzen.

Arbeitsverhältnisse werden immer mehr zu befristeten Beziehungen, oft auf selbstständiger Basis. Da die wenigsten Menschen aber isoliertes Einzelkämpfertum anstreben, werden für Kreativarbeiter immer mehr Co-Working-Zentren entstehen, die die Kreativität durch eine entsprechende Atmosphäre fördern und es erleichtern, Kontakte zu knüpfen. Ausgehend von New York, wo solche Zentren mit einer bibliothek­artigen Gestaltung längst alltäglich sind, breiten sie sich auch in deutschen Großstädten aus.

Persönliche Bedürfnisse werden weitgehend erfüllt. So ist es in vielen US-Unternehmen – etwa bei Microsoft, Texas Ins­truments und Boeing – möglich, dass Angestellte ihre Kinder oder Haustiere mitbringen können, manchmal sogar in ­eigene Betreuungsstellen. Hier zeigt sich, dass Individualisierung nicht gesellschaftsfeindlich sein muss. Im Gegenteil, meint der amerikanische Wirtschaftsexperte Mike Shedlock: „Je indi­vidueller die Arbeits­prozesse gestaltet werden können – und da sind wir erst am Anfang des Möglichen –, desto leichter werden sich die Wertvorstellungen des Einzelnen verwirklichen lassen. Dazu kann etwa gehören, dass Mitarbeiter, die ihre kranken Eltern pflegen, vom Arbeitgeber ein Homeoffice im Elternhaus eingerichtet bekommen.“

Die Bindung zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer nimmt ab. Der „Durchschnittsmitarbeiter“ wird im Lauf seiner ­Karriere zahlreiche Positionen in unterschiedlichen Betrieben oder gar Branchen hinter sich haben und sich daher mehr mit seinem Kompetenzfeld als mit einem Unternehmer oder seinem aktuellen Arbeitgeber identifizieren. In einer Gallup-Umfrage gaben bezeichnenderweise nur noch 13 % der Deutschen an, eine hohe emotio­nale Bindung an ihren Arbeitgeber zu haben.

Zur Gewinnung von Mitarbeitern müssen Unternehmen neue Wege gehen. Innovative Modelle umfassen den Zusammenschluss von Firmen zu „Mitarbeiter-Usern“: Die Fachkräfte werden von den Arbeitgebern jeweils nur zeitweise für Projekte angeheuert und dann bis zum nächsten Bedarf an andere Betriebe im Verbund weitergegeben.

Die Zukunft aktiv nutzen und gestalten


Die Veränderungen überschneiden sich und bringen in der Praxis eine Fülle von Neuerungen mit sich, die für manchen Unternehmer beängstigend sind. Es scheint, als ob die Flut von Möglichkeiten und Forderungen zu einem völligen Kontrollverlust führt. Und in der Tat, von A bis Z kontrollieren ließe sich das wogende Gemenge von Einflussfaktoren nicht, meint etwa Thomas Luther, Geschäftsführer der Strategie- und Managementberatung Luther Polley, einer auf den Mittelstand spezialisierten Unternehmensberatung: „Die Unternehmensführer können die Veränderungsprozesse, die von Mitarbeitern, Analysten, der Technologie oder dem Markt an sie herangetragen werden, nicht im Detail steuern, aber sie können und müssen sie managen. Das bedeutet: Sie müssen sich, wie etwa der obdachlose Jonah Barnes in Los Angeles, aktiv den Herausforderungen zuwenden und Fragen stellen und beantworten wie: Welche Angebote, Instrumente und Möglichkeiten stehen zur Debatte? Welche davon wünschen meine Mitarbeiter? Wie könnten sie für das Unternehmen von Nutzen sein? Wie würde eine Kosten-Nutzen-Betrachtung aussehen? Was sich aus dieser Analyse ergibt, muss dann bewertet werden. Anschließend können einige Maßnahmen wie die Einführung von Technologien oder Verfahren als besonders erfolgversprechend ausgewählt werden. Diese sollte man dann aber auch konsequent umsetzen – und nach einer gewissen Zeit neu bewerten.“ Zukunft ist also nicht beherrschbar, aber gestaltbar. Der Unternehmenssteuermann kann nicht jede einzelne Welle vermeiden, aber er kann günstige Fahrrinnen erkunden und damit den besten Kurs für das Firmenschiff.

Dr. Hans-Dieter Radecke


Artikel vom: 2012-05-09 17:13:00
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