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Hier stimmt die Chemie

Wer nach Bayern fährt, fährt in die Berge. Ob zum Wandern in den wärmeren Jahreszeiten oder zum Skifahren im Winter – der Süden Deutschlands ist bun­desweit die beliebteste Urlaubs­re­gion. Kein Wunder angesichts des malerischen Alpenvorlands: grüne Wiesen mit gefleckten und Glocken läutenden Kühen, kleine Wallfahrtsorte mit Alpenpanorama und bunten Geranien auf den Balkonen der Bauernhäuser machen den Charme der Gegend aus.

Doch die Region nördlich der Alpen, die auf den ersten Blick so naturbelassen und traditionsverbunden wirkt, kann auch anders. Eine der wich­tigsten deutschen Chemielandschaften ist oberhalb des Chiemsees, zwischen den Flüssen Sal­zach und Inn, angesiedelt: das Bayerische Chemiedreieck, auch ChemDelta Bavaria genannt.

Alpenidyll trifft auf Chemie-Industrie

International agierende Großkonzerne, aber auch Kleinunternehmen der chemischen Industrie wie BASF und Vinnolit sowie Nitrochemie und InfraServ sind im Dreieck zwischen den Orten Simbach am Inn, Ampfing und Traunreut vertreten. So ragen im tiefsten Oberbayern, nahe der längsten Burg der Welt – der Burg zu Burghausen – auch die Werke von OMV und Wacker empor. Und das Idyll des Naherholungsgebiets Halsbachtal bei Burgkirchen an der Alz wird von der Aussicht auf den Industriepark Werk Gendorf mit Firmen wie Clariant und Linde Gas mitgestaltet. Insgesamt sind in der bayerischen Ecke nahe der österreichischen Grenze 25 Unternehmen an acht Standorten beheimatet und setzen mit rund 25 000 Mitarbeitern und etwa 5 000 Produkten jährlich über 8 Mrd. Euro um: 6 % des deutschen Chemie-Umsatzes. In Hightech-Anlagen werden hier teils hochspezialisierte Fabrikate wie Silizium zur Halbleiterherstellung, Düngemittel und Pharmavorprodukte sowie Brandhemmer, Futterzusatzstoffe für Masttiere und Panzermunition hergestellt und gelangen von der Gegend oberhalb des bayerischen Chiemgaus aus in weltweiten Umlauf.

Für die Interessen der Chemie-Unternehmen und des Standorts setzt sich die Initiative ChemDelta Bavaria ein. Besonders im Bereich Infrastruktur zeigt der Cluster nämlich noch große Defizite auf und auch bei der Strom- und Pipeline-Versorgung hat die Region Schwachstellen. Mit Willi Kleine als Sprecher – bis Jahresbeginn Leiter des Burghauser Wacker-Werks – versucht die Initiative, die Belange des Dreiecks der Öffentlichkeit zu vermitteln. So werden nicht nur die Anliegen des Chemie-Clusters nach außen getragen, sondern auch die Popularität des Dreiecks zwischen Inn und Salzach steigt.

Die ursprüngliche Anziehungskraft der Gegend zwischen Salzach und Inn auf die Chemie-Industrie liegt in der Flussnähe der Standorte begründet, denn die Stromkraft und Wasserfülle der beiden Innzuflüsse Salzach und Alz erfüllen ideale Voraussetzungen für die Energiegewinnung. Bereits im Jahr 1908 begann die Besiedelung der Region am Ufer der Alz durch die damaligen Bayerischen Stickstoffwerke, heute AlzChem. Rund zehn Jahre später folgte die Wacker Chemie mit der Werksgründung an der Salzach in Burghausen. Inzwischen reicht das Energiepotenzial der Flüsse im ChemDelta Bavaria für den Bedarf der rund 25 Chemie-Unternehmen nicht mehr aus – jährlich verbrauchen die energie­intensiven Firmen bis zu 5 400 Gigawattstunden, das sind drei Viertel des jährlichen Energie­bedarfs der Stadt München mit 1,4 Mio. Einwohnern. Besonders die konstante Stromversorgung ist daher ein aktuelles Thema, denn schon die kleinsten Unterbrechungen in der Energiezufuhr können millionenschwere Folgen für die Chemie-Unternehmen nach sich ziehen. In der Energiewende liegt eine große Herausforderung für das Chemiedreieck, denn nicht nur die Stabilität der Versorgung ist essenziell – auch bezahlbar muss sie sein. Erste Maßnahmen für die Erfüllung dieser Ansprüche finden sich bereits in einem OMV-Gaskraftwerk-Projekt in Haiming bei Burghausen.

Versorgung aus der Pipeline

Ein weiterer positiver Standortfaktor ist die Nähe zur Transalpinen Pipeline. Insbesondere in der Petrochemie ist der Bedarf an Erdgas und Erdöl so groß, dass sich nur eine Versorgung über Rohrleitungen rechnet. Außerdem ist mit der kürzlich erfolgten Fertigstellung der Ethylen-Pipeline Süd (EPS) ein zukunftsweisendes Projekt erfolgreich zum Abschluss gekommen. Kleine resümiert: „Ethylen ist im ChemDelta Bavaria einer der wichtigsten Rohstoffe für die Produktion. Mit der EPS ist das Bayerische Chemiedreieck aus seiner bisherigen Insellage in puncto Ethylen-Versorgung herausgekommen und konnte damit an das westeuropäische Ethylen-Pipeline-Netz angeschlos­sen werden. Eine Win-win-Situation ist so entstanden, sowohl auf der Abnehmerseite an den Chemiestandorten als auch auf der Abgeberseite in der OMV-Raffinerie in Burghausen: Die Produktionen auf Basis von Ethylen können ausgeweitet werden und die Raf­finerie kann auch für andere Kunden außerhalb des ChemDelta Bavaria produzieren. Das löst weitere Investitionen an den Standorten aus.“

Besonders die Infrastruktur im chemischen Trigon hat sich vom einstigen Stand­ortvorteil zum Sorgenkind entwickelt. Die eingleisige Bahnverbindung zwischen München und Mühldorf aus dem Jahr 1897, unter Prinzregent Luitpold erbaut, stellt die einzige Schienenstrecke in das ChemDelta dar. Ein zweigleisiger Ausbau und die Elektri­fizierung der Anbindung sind seit Jahrzehnten im Gespräch – bisher ohne Erfolg. Bei der Straßen­anbindung lichtet sich die pro­blematische Lage hingegen allmählich: Ebenfalls nach jahrzehntelangen Verhandlungen wird die A 94 von München nach Passau in absehbarer Zeit durchgängig erweitert. Die werksinterne Infrastruktur im Chemiedreieck spielt ebenfalls eine tragende Rolle für eine erfolgreiche Produktion. So investierten die dort ansässigen Unternehmen allein von 2007 bis 2011 bereits über 3 Mrd. Euro in neue Anlagen. Dennoch gefährdet die mangelhafte Verkehrsanbindung der oberbayerischen Region das Entwicklungspotenzial des Chemiedreiecks.

Aber auch der Fachkräftemangel macht sich aktuell in der chemisch-bayerischen Landschaft bemerkbar: „Das Problem wird langsam für die Chemie­standorte im ChemDelta Bavaria spürbar. Bisher befanden wir uns wie auf einer Insel der Glückseeligen wegen der bekanntermaßen hohen Ausbildungsqualität an unseren Standorten. Dennoch ist bereits ein Bewerberrückgang spürbar, gerade im Bereich der Hochschulabsolventen“, berichtet Kleine. Für Studenten von Fachoberschulen oder Univer­si­täten, nicht nur in den einschlägigen Fachrichtungen, ist das bayerische Eckchen als attraktiver Arbeitgeber jedoch äußerst interessant. Neben Chemikern und Physikern werden Betriebswirtschaftler, Mediziner sowie Juristen gesucht.

Doch genauso sind Fachkräfte ohne Hochschulabschluss im Bayerischen Chemiedreieck willkommen – vom Laboranten über den Bürokaufmann bis hin zum Feuerwehrmann. Jährlich werden etwa 1 000 Ausbildungsplätze im ChemDelta angeboten. Den Bewerbern bieten sich hier zudem nicht nur vielfältige berufliche Chancen: Das Umfeld des Vor­alpenlands und die Nähe der Großstädte Salzburg, Passau und München erfüllen die Ansprüche an eine hohe Lebensqualität.

Neben der Lage im idyllischen Alpenvorland hat das Bayerische Chemiedreieck also weitere Standortvorteile für sich erkannt und genutzt: Wasserkraft, Lage und Bündelung von Ener­gien. Nicht nur für Naturfreunde, sondern auch für Fachkräfte bietet sich hier eine attraktive Landschaft. Und noch ein zusätzlicher Pluspunkt: Die Chemiebranche zählt zu den am besten zahlenden Arbeitgebern.

Kathrin Hansel


Artikel vom: 2012-11-08 11:58:00
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